Abonnement- und Flatrate-Ökonomie

Alles und jeden kapitalisieren

adobeStock
© AdobeStock/Deagreez

Die Deutschen haben Angst. So viel, dass sie sich in den eigenen vier Wänden regelrecht einmauern. Verzichten müssen sie in ihren Wagenburgen dennoch auf nichts: Weder auf Büroarbeit noch auf Luxushandtaschen im Abo. Leben im Dauerkonsum.

Man muss nicht unbedingt die neue Studie des Kölner Rheingold-Instituts zur Hand nehmen, um die darin beschriebenen Trends („repräsentativ  und tiefenpsychologisch“) über den Seelenzustand der Deutschen mit neuem Gewinn zu lesen. Rheingold-Gründer Stephan Grünewald legt seit längerem schon Deutschland auf die Couch, psychologisiert eine Gesellschaft zwischen Dauererschlaffung und messianischer Erweckung. Ganz so eben, wie 80 Millionen Menschen nun einmal sehr unterschiedlich auf reale, medial verstärkte oder inszenierte Krisen nun reagieren. Grünewald jedenfalls meint beobachtet zu haben, dass eine große Mehrheit der Bürger erkennt, dass die Menschheit vor gewaltigen Herausforderungen stehe. Zugleich erdrücke sie der Problemberg, der unüberwindlich scheine. Die meisten würden daher in einem „Zukunftsvakuum“ leben, resigniert und zurückgezogen im eigenen Schneckenhaus. Ein neues Biedermeier also? Gar Reflexion über das Ich statt mit fröhlichem Einkaufsgemüt die Schrecken dieser Welt wegzukonsumieren?

Nicht unbedingt. Mit der Lockerung der Corona-Beschränkungen werden Menschen wieder sehr aktiv, die Grünewald in bestimmte Typologien ordnet: Die Tribalisten (Gleichgesinnte, die sich zusammentun und gemeinsam für etwas einstehen und dadurch das Gefühl haben, etwas bewegen zu können), die Selbst-Ermächtiger (Ich und meine Karriere, viele junge FDP-Wähler),  die Fortschritts-Illusionisten (Technologie wird’s schon richten mit dem Klima) und erst recht die Missionierenden (Veganismus und Gendern). Desillusioniert in ihrem trauten Heim sitzen dagegen die Eingekapselten, die sich vor der Außenwelt abschotten. Sowie der Typus traute Familie, der klassische Biermeier also -  als deutscher Michel mit Schlafmütze schon in der Ära der nachnapoleonischen Restauration 1815 verspottet.

Abonnement-Ökonomie: Den Schlaf ausgetrickst
Anders als vor 200 Jahren indes muss der zuhause sich einkapselnde Deutsche auf nichts verzichten. Sofern er Büroarbeiter ist, darf und muss er vom Homeoffice aus seinen Wert zu Markte, respektive zum Chef tragen. Dank Abo- und Flatrate ist er stets informiert, immer versorgt und bestens unterhalten. Die „neue Ära der Abonnement-Ökonomie“, von der die Unternehmensberatung Kearney spricht, kapitalisiert alles und jeden – sofern der neue deutsche Michel nur nicht digitalabstinent ist - ob im selbst gewählten Digitalen Detoxing (übrigens auch ein zunehmend nachgefragtes Segment eines meist nur zeitlich gewünschten, angeblich reinigenden und gesunden Lebensstils) oder unfreiwillig in irgendeinem Tal der Netzlosigkeit lebend.

Der Schlaf sei der größte Konkurrent, hatte einmal Netflix-Gründer Reed Hastings gesagt. Diese Befürchtung kennen sie auch bei Amazon, Googles  Youtube, Microsoft und bei all den anderen Playern der Digitalökonomie. Wer schläft, sündigt nicht, konsumiert aber auch nichts. Das darf nicht sein. Daher wurden das Abonnement und die Flatrate erfunden. Es sind Eintrittskarten in die Dauerversorgung mit Filmen und Musik, Software und Drucken, Windeln, portioniertes Essen, Bio-Obst- und Bio-Gemüsekisten, Rasierklingen, Zahncreme, Waschmittel. Doch nicht genug.

Das Berliner Start-up Fobe bietet Luxushandtaschen zur Miete an. Dior, Gucci oder Prada im Abo für 79 bis 99 Euro im Monat. Man solle nur an die „begehbaren Kleiderschränke erfolgreicher Influencer“ denken, „gefüllt mit einer unerschöpflichen Auswahl an It-Bags und berühmten Klassikern großer Marken“, heißt es auf der Webseite. Das Geschäftsmodell passt perfekt zur neuen Selbstbezüglichkeit, die Tiefenpsychologe Grünewald vom Rheingold-Institut beobachtet. Weg mit alten und Schränke verstopfenden Klamotten und Accessoires, die für die Selfie-Inszenierung in nur einmal präsentiertem Outfit nichts taugen.

Nur nicht lange binden
Trennung leicht gemacht, sagt Grünewald, abzulesen auch an so mancher entrümpelten Freundesliste. Man muss indes auch vermuten, dass der heutige Mensch sich an nichts und leider auch an niemanden mehr lange binden wolle. Bis dass der Tod euch scheidet ist der Tod des Abonnement-Geschäfts, bevor es überhaupt erst beginnt. Monatliche Kündigung ist angesagt, denn nur diese kurze Bindung garantiert, dass der Abo-Kunde bei der Stange bleibt und am Ende mehr zahlt als er konsumieren kann.     


Verwandte Artikel

Microsoft

Etailer

Retail

Anbieterkompass