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»Facebook News« in Deutschland

Bedrängter Qualitätsjournalismus

18. Mai 2021, 07:27 Uhr   |  Martin Fryba | Kommentar(e)

Bedrängter Qualitätsjournalismus
© AdobeStock/Javier Brosch

Qualitätsjournalismus, es soll ihn ja noch geben und nun ausgerechnet Facebook attraktiver machen. Geld gegen Inhalte: Eine gute Idee oder eher Zeichen der Hilflosigkeit gebeutelter Verlags- und Medienhäuser?

Ab Dienstag startet »Facebook News« in Deutschland. Ein eigener Kanal für journalistische Inhalte soll die weltgrößte soziale Mediaplattform attraktiver machen. »Wir wollen den Menschen auf unserer Plattform mehr Qualitätsjournalismus zur Verfügung stellen und gleichzeitig den Verlagen mehr Monetarisierungsmöglichkeiten bieten«, sagte Facebook-Manager Jesper Doub der Deutschen Presse-Agentur. Zum Deutschland-Start der im Oktober 2019 in den USA eingeführten Kooperation mit Verlagen sind über 100 Medienmarken mit dabei, unter anderem Medienmarken von Axel Springer und von Südwestdeutsche Medienholding mit »Süddeutsche Zeitung«, »Stuttgarter Nachrichten« und »Stuttgarter Zeitung«.


Ein Team von Journalisten kuratiert die Beiträge der Medienpartner, Algorithmen sollen dafür sorgen, dass Nutzern personalisierte Inhalte angezeigt werden. Es gibt Rubriken wie Wirtschaft, Unterhaltung, Gesundheit, Wissenschaft und Technik sowie Sport.


Gefangen in der Plattform
Facebook und andere soziale Medien sind insbesondere bei jüngeren Menschen oft genutzte Plattformen, um sich über Nachrichten zu informieren. Für viele sind Facebook&Co die erste und ausschließliche Informationsquelle. Anders als etwa bei der Google-Suche werden auf sozialen Plattformen die Beiträge nicht nur angerissen, die Nutzer können sie dort auch vollständig lesen und werden nicht auf die Webseiten der Medienmarken weitergeleitet. Was Verlage mehr schlecht als recht schaffen, die digitale Leserschaft zu binden und sie durch ausgezeichnete Inhalte auf den eigenen Webseiten zu halten, gelingt soziale Medien in der Regel sehr gut.


Das Aggregieren von Inhalten mehrerer Medienmarken kann für den Leser freilich jenen Vielklang an Meinungen bedeuten, die man sich in einer pluralistisch-liberalen Gesellschaft wünscht. Ob das die Leser auch so sehen und bereit sind, aus ihrer Filterblase herauszutreten, ist fraglich. Der Einsatz von Algorithmen spricht eher dagegen.


Hilflose Klagen
Jahrelang hatte die VG Media, die Interessensvertretung von Medienproduzenten und Verlagen, dafür gekämpft, dass Google im Rahmen des Leistungsschutzrechts für angeteaserte journalistische Beiträge in seiner Suche Verlagen eine Vergütung bezahlt. Die Klage wurde zuletzt zurückgezogen. Um Kosten für solche Lizenzrechte zu vermeiden, hatte sich Google auf die Darstellung nur der Überschriften beschränkt.


Seit Jahren stören sich Verlage daran, dass Plattformen Milliarden mit Werbung verdienen, ohne eigene Inhalte zu produzieren, stattdessen produzieren zu lassen. Es ist das Grundprinzip Sozialer Medien, digitaler Marktplätze oder Suchmaschinen, sich »nur« als Technologie-Plattform zu verstehen, die Inhalte Dritter zu aggregieren und zu orchestrieren, sich für die Inhalte aber nicht verantwortlich zu fühlen – weder inhaltlich, rechtlich noch ökonomisch im Sinne von Refinanzierung der Geschäftsmodelle von Contentproduzenten. Auf diese immanente Logik der Plattformökonomie reagieren traditionelle Unternehmen mit dem meist hilflosen Versuch, vor Gerichten die Bedrohung ihres Geschäfts abzuwenden.


Kurzarbeit des Qualitätsjournalismus
Der Macht von Google, Facebook, Linkedin und anderen Digitalkonzernen können sie keine adäquaten Digitalprodukte entgegensetzen, beziehungsweise scheuen das unternehmerische Risiko, in eigene digitale Medien zu investieren. Nicht einmal in den von Facebook nun so hervorgehobenen Qualitätsjournalismus wollen oder können Medienhäuser viel Geld stecken. In jeder Krise der Anzeigenwirtschaft rollen schließlich Köpfe und die Ressourcen werden limitiert. In der Corona-Pandemie schickte die Süddeutsche Zeitung, nun Kooperationspartner von Facebook News, ihre Journalisten in die Kurzarbeit. Wie viele andere Medienmarken auch.

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