Schwerpunkte

Business-Software und die Krise

Bewährungsprobe für die BI-Branche

23. September 2009, 06:27 Uhr   |  Michael Hase | Kommentar(e)

Anwender setzen in der Krise auf Business Intelligence (BI). Davon versprechen sich Unternehmen vor allem eine transparente Datenbasis, die ihnen hilft, das Geschäft in schwieriger Wirtschaftslage zu steuern. Zugleich treten dabei aber auch die Defizite der BI-Software stärker zu Tage.

Eine Software-Disziplin behauptet sich in der Krise: Business Intelligence (BI). Der Gesamtumsatz mit Datenmanagement-Lösungen und Front-end-Tools legte im Jahr 2008 in Deutschland immerhin um gut sechs Prozent zu, wie das Business Application Research Center (BARC) ermittelt hat. Und für das laufende Jahr rechnen die Analysten damit, dass der BI-Markt zumindest nicht schrumpft. Außerdem werde er sich schneller erholen als andere Software-Segmente, sobald die Wirtschaft wieder anzieht (siehe Kasten, Seite 32).

Für die anhaltende Nachfrage gibt es eine gängige Erklärung, die sich Hersteller und spezialisierte Systemhäuser gleichermaßen zu Eigen machen: In der Krise seien Manager mehr denn je auf verlässliche Daten angewiesen, um ihr Unternehmen steuern und richtige Entscheidungen treffen zu können. Eben das leiste BI-Software, nämlich für eine transparente Datenbasis zu sorgen und die Planung in Geschäftsführung und Fachabteilungen durch valide Kennzahlen zu unterstützen. »Gerade in einem wirtschaftlich schwierigen Umfeld ist die Transparenz, die eine professionelle BI-Lösung bietet, umso wertvoller«, betont Mark Zimmermann, Geschäftsführer des Frankfurter Beratungshauses Infomotion.

Die Erwartungen der Kunden gehen offenbar in dieselbe Richtung, so dass der BI-Markt bislang weniger stark unter der Krise leidet als andere Software-Segmente. Für die Anbieter ist das eine günstige Entwicklung. Einerseits. Andererseits droht umso mehr die Gefahr, das Vertrauen der Kunden zu verspielen. Denn in der aktuellen Wirtschaftslage überprüfen Anwender noch kritischer als sonst, ob die eingesetzte Software den behaupteten Geschäftsnutzen tatsächlich liefert. Die Krise wird damit zur Bewährungsprobe für die BI-Branche.

Kritikern zufolge laufen die Anbieter jedoch Gefahr, an der Bewährungsprobe zu scheitern. Tatsächlich mehren sich die Stimmen, die die Disziplin grundsätzlich in Frage stellen. So beobachtet das Beratungshaus Coretelligence, Bad Oeynhausen, eine weit verbreitete Unzufriedenheit mit BI-Lösungen. Die resultiere aus der übermäßigen Fokussierung auf Zahlen, urteilt Coretelligence-Geschäftsführerin Marianne Wilmsmeier. BI sei von Beginn an zu technologisch getrieben und mit dem Ziel entwickelt worden, bloße Zahlenwerke zu produzieren. Zugleich würden die Tools immer komplexer und für die Anwender schwieriger zu handhaben. »Die bisher dominierende Technikorientierung der BI-Konzepte hat zu einem deutlichen Missverhältnis von Aufwand und tatsächlichem Nutzen geführt.«

Auch die Consultants von Actinium, Lindau, kamen im Juni zum Ergebnis, die Zahl der unzufriedenen BI-Kunden vergrößere sich stetig: Einer Umfrage zufolge haben nur 17 Prozent der Anwender nichts oder wenig an den Lösungen auszusetzen. BI-Software sei schwierig zu implementieren und zu wenig benutzerfreundlich, lautet die Hauptkritik. Vor allem der Mittelstand wolle nicht ständig neue Features und immer komplexere Tools, sondern benötige praktikable, schnell einsetzbare Lösungen ohne großen Projektaufwand, resümiert Actinium-Geschäftsführer Klaus Hüttl. »Wenn der Nutzen hinter den Erwartungen bleibt, weil sich die Benutzer mit den Lösungen schwer tun, geht die Rechnung für BI nicht auf.« Die Hersteller sollten ihre Strategie überdenken, damit aus der Unzufriedenheit der Anwender keine Vertrauenskrise entstehe.

Interessanterweise werdem solche Aussagen von einigen Herstellern geteilt. »Absolut richtig«, stimmt Ulrich Beckmann, Geschäftsführer von Qliktech, den Kritikern zu. Traditionelle BI-Systeme seien »oftmals viel zu kompliziert« und würden »die Anwender schlichtweg überfordern«. BI dürfe auch nicht primär durch die IT getrieben werden. Vielmehr müssten die inhaltlichen Komponenten aus den Fachbereichen, also dem Controlling, Vertrieb, Marketing, Einkauf oder der Produktion, kommen. »Denn nur die Fachanwender selbst wissen, welche Anforderungen sie haben, welche Informationen und Ergebnisse sie tatsächlich brauchen«, argumentiert Beckmann. Nur wenn die Mitarbeiter die Kennzahlen selbst definieren und Anwendungen eigenständig anpassen könnten, erhalte das gelieferte Zahlenmaterial auch Aussagekraft für sie. »Vor diesem Hintergrund war es schon immer das Ziel von Qliktech, BI aus der Expertenecke herauszuholen und massentauglich zu machen.«

Freilich verfolgt der schwedische Hersteller einen vom Gros der Branche abweichenden Ansatz. Doch auch ein etablierter Anbieter wie SAS kann die Kritik nachvollziehen. »Rein technologisch getriebene Reporting-Systeme lassen einen Wildwuchs an Zahlenwerken entstehen, den der Anwender nicht mehr überblickt«, sagt Jörg Petzhold, Manager Marketing & Strategy bei SAS Deutschland. »Solche BI-Projekte fahren regelmäßig gegen die Wand.« Allerdings treffe die Kritik auf SAS-Projekte nicht zu, stellt Petzhold klar. Schließlich habe der BI-Pionier schon immer einen Fokus auf die Analyse konsolidierter Daten gelegt: Basierend auf einem Business Analytics Framework, extrahierten Anwender die für sie wichtigen Informationen aus ihren Unternehmensdaten. »Von Vertrauenskrise kann bei unseren Kunden keine Rede sein.« Die Klientel sei zu weit über 90 Prozent mit der Software zufrieden und erkenne deren Mehrwert. Denn für SAS stehe der Business Case, verbunden mit einem ROI-Szenario, im Vordergrund. »Unseren Auftrag sehen wir darin, gemeinsam mit dem Kunden jede Anforderung auf ihre technische Machbarkeit, aber auch auf ihren finanziellen Nutzen hin zu prüfen.«

Sind es also immer nur die anderen Anbieter, die für die gescheiterten Projekte verantwortlich sind? So einfach verhält es sich nicht. Ebenso wenig wie die Zuständigkeit für unzufriedene Anwender allein den Herstellern aufzubürden ist. Gerade Beratungshäuser wie Infomotion oder Mayato, die mit großen BI-Anbietern wie SAP, SAS, IBM und Microsoft als Partner arbeiten, bemühen sich um eine differenzierte Sicht. »In vielen Unternehmen, die BI-Lösungen eingeführt haben, ist in der Tat Ernüchterung eingekehrt«, beobachtet Marcus Dill, Geschäftsführer von Mayato aus Berlin. »Die Gründe dafür sind aber vielfältig.« Zum einen fehle Nutzern häufig das analytische Know-how, wie Zahlen fachlich und mathematisch korrekt zu interpretieren sind, führt Dill aus. Zum anderen würden BI-Projekte oft wie klassische IT-Projekte umgesetzt, obwohl sie eine eigene Methodologie erforderten. Diese Praxis gehe auf Kosten der Flexibilität und verhindere Mechanismen zur Früherkennung konzeptioneller Probleme. Die werden so meist erst offensichtlich, wenn es für eine Korrektur zu spät sei.

Das Scheitern eines BI-Projekts könne seine Ursache aber auch in einer fehlenden Strategie haben, gibt Dill zu bedenken. »Der Investition stehen oft unklare Wünsche und Hoffnungen gegenüber, deren Enttäuschung programmiert ist.« Zugleich mache sich der Anwender kein klares Bild von der Komplexität, die hinter einer BI-Lösung steckt. Dabei spricht der Mayato-Chef den Herstellern eine Mitschuld zu: »BI-Anbieter fördern nicht wirklich die Sensibilität für die Komplexität, wenn sie ihren Kunden vorgaukeln, der Erwerb der Software löse alle Probleme gewissermaßen von alleine.«

Eine differenzierte Betrachtungsweise vertritt auch Infomotion-Chef Zimmermann. »Es ist nicht von der Hand zu weisen, dass BI in der Vergangenheit oftmals zu technologisch angegangen wurde.« Problematisch sei es, wenn die IT im Alleingang BI-Tools auswählt, ohne die funktionalen Anforderungen des Fachbereichs zu kennen. Trotzdem geht die fundamentale Kritik an den BI-Tools aus Zimmermanns Sicht am Problem vorbei. Denn es bedeute generell erheblichen Aufwand, die Zahlenwerke eines Unternehmens in den Griff zu bekommen. Die eigentliche Arbeit sei dabei am Back-end zu leisten. »Der Kern des Problems steckt wie so oft in der Datenplattform, dem Data Warehouse«, erläutert Zimmermann. »Damit kommt es insbesondere auf das Know-how und die Methodik an, das Data Warehouse korrekt aufzubauen.« Die Kritik treffe dann allerdings nur bedingt die BI-Tools, weil »die letztendlich nur das darstellen, was vorhanden ist und modelliert wurde«.

Nicht zu leugnen ist laut Zimmermann, dass viele BI-Produkte zunehmend komplexer werden. Doch dieser Aspekt sei Folge der generellen Weiterentwicklung: Bestimmte Werkzeuge für Poweruser werden funktionsreicher und komplexer, weil sich mit steigender Nutzungsdauer höhere Ansprüche an die Tools stellen. Umgekehrt gebe es am Markt aber auch hervorragende Werkzeuge für gelegentliche Anwender. »Mit steigender Funktionalität wird es zunehmend wichtiger, sich die Heterogenität der jeweiligen Benutzergruppen einer BI-Lösung vor Augen zu führen.«

Von einer Vertrauenskrise könne aber gar keine Rede sein, winkt der Infomotion-Chef ab. Im Gegenteil. Der Experte nimmt hingegen wahr, dass Unternehmen inzwischen nutzenorientierter an Projekte herangehen als früher: »Bevor heute die Entscheidung für ein bestimmtes Tool oder eine bestimmte Anwendung fällt, werden kalkulatorischer Nutzen und Total Cost of Ownership genau abgewogen.« Nur eine Gefahr sieht Zimmermann: Nach seiner Erfahrung neigen Vertriebler dazu, ihre Produkte als Allheilmittel anzupreisen. »Falsche Versprechungen im Vertrieb führen aber schon früh im Projekt zu Frustration – und in der Folge zu einem Vertrauensverlust in das Produkt oder gar in das Thema BI allgemein.

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