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100 Tage Lockdown im Einzelhandel

Bis zu 40 Milliarden Euro Umsatzausfall

29. März 2021, 11:01 Uhr   |  Martin Fryba | Kommentar(e)

Bis zu 40 Milliarden Euro Umsatzausfall
© Julian Stratenschulte/dpa

Kommt jetzt der Konsumgutschein für jeden Bundesbürger? Der Handelsverband HDE fordert 500 Euro, Ökonomen bringen sogar 5.000 Euro ins Spiel. 120.000 Geschäfte könnten die Corona-Krise nicht überleben. Der tägliche Umsatzausfall ist gewaltig.

100 Tage nach dem zweiten Lockdown und weiterhin keine Öffnungsperspektive zieht der Handelsverband HDE eine ernüchternde Bilanz für den geschlossenen Einzelhandel. »Im Ergebnis sind bis zu 120.000 Geschäfte in Existenzgefahr«, so HDE-Hauptgeschäftsführer Stefan Genth. Hoffnung gab es zuletzt wegen der Regelung, die Geschäftsöffnungen an die Inzidenzzahlen zu koppeln und bei kurzzeitiger Terminvereinbarung auch über dem Wert von 50 bis 100 Infektionen pro 100.000 Personen Kunden in Läden empfangen zu können. Mit den aktuell steigenden Inzidenzzahlen von teils deutlich über 100 ist diese Regelung wieder vom Tisch. Der Nicht-Lebensmittelhandel muss wieder in den harten Lockdown.


Nach einer HDE-Schätzung könnte der vom Lockdown betroffene Einzelhandel seit dem 16. Dezember zwischen 35 und 40 Milliarden Euro Umsatz verloren haben. Die erneute Verlängerung des Lockdown bis 18. April sorgt pro geschlossenem Verkaufstag für weitere Umsatzeinbußen von bis zu 700 Millionen Euro, rechnet der Verband vor. »Mit den Unternehmen wanken ganze Innenstädte«, warnt Genth vor einem Händlersterben und der Verödung von Stadtkernen.


Ohnehin sieht Genth den Einzelhandel völlig zu unrecht im Fokus staatlicher Pandemiebekämpfung. Er beruft sich auf das RKI und einer Studien der TU Berlin, wonach die Wahrscheinlichkeit für Ansteckungen im Einzelhandel eher niedrig sein soll. Der HDE-Chef: »Die Branche darf nicht weiterhin aus symbolischen Gründen die Hauptlast bei der Bekämpfung der Pandemie tragen«. Er fordert »eine zeitnahe und realistische Öffnungsperspektive« sowie schnellere Hilfszahlungen an den Handel. »Die Gelder stehen nach wie vor weitgehend im Schaufenster der Ministerien und kommen nicht ausreichend dort an, wo sie gebraucht werden«. Die erneute Verlängerung des Lockdown habe den Hilfsbedarf weiter erhöht.


Konsum und Konjunktur ankurbeln
Darüber hinaus sollen Konsumgutscheine den Handel wiederbeleben. Genth bringt gegenüber dem Handelsblatt 500 Euro pro Einwohner ins Spiel. Die könnte einen Nachfrageimpuls von bis zu 40 Milliarden Euro auslösen. Es wäre ein »schnelles und klares Aufbruchssignal«, sagte der HDE-Chef.


Damit bleibt er mit seinem vergleichsweise bescheidenen Konsumgutschein hinter den Maßnahmen, wie sie beispielsweise in den USA beschlossen wurden. Dort bekommt jeder Bürger im Rahmen eines 1,9 Billionen schweren Konjunkturprogramms 1.400 Dollar Einmalhilfe ausgezahlt.


Ökonomen wie der Düsseldorfer Wissenschaftler Jens Südekum halten diese pauschalen Leistungen für wenig zielführend. Gegenüber dem Handelsblatt bringt er Direkthilfen von 5.000 Euro für jeden europäischen Bürger ins Spiel, der »nachweislich hart von der Krise getroffen wurde«.

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