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Verdi: »Geheimdienstmethoden« bei Amazon

»Es gibt Dinge, die sich nicht ändern lassen«

13. Oktober 2020, 11:42 Uhr   |  Martin Fryba | Kommentar(e)

»Es gibt Dinge, die sich nicht ändern lassen«
© Amazon

Schlechte Arbeitsbedingungen bei Amazon gäbe es nur aus der Berichterstattung von Medien, sagt Amazon in einem TV-Spot

Rheinberg, Werne, Koblenz, Bad Hersfeld, Graben bei Augsburg: Tausende Amazon-Beschäftigte streiken mal wieder zum Prime Day. Auswirkungen? »Keine«, lässt Amazon Vorzeigebesucher im TV-Spot sprechen.

Verdi hat am frühen Dienstagmorgen Amazon-Mitarbeiter in zahlreichen Auslieferungsstandorten in Deutschland zum Streik aufgefordert. Rund 500 Beschäftigte folgen dem Aufruf zum Warnstreik in Rheinberg,  250 in Werne, 500 in Bad Hersfeld, mehrere Hundert dürften es in Koblenz und Graben bei Augsburg sein. Verdi fordert schon seit langem, dass die Beschäftigten nach dem Tarif im Einzelhandel bezahlt werden sollen und nicht nach dem niedriger entlohnten Tarif für die Logistik-Branche. Amazon ist zwar Mitglied im Handelsverband Deutschland. Tarife des Einzelhandels lehnt der Etailer seit Jahren kategorisch ab.

Börsenwert verdoppelt seit Corona

Amazon gehört zu den großen Gewinnern während der Corona-Pandemie. Mitte März stand der Aktienkurs bei 1.690 US-Dollar, aktuell liegt er bei 3.440 Dollar – eine Verdopplung. Verdi-Fachbereichsleiterin Silke Zimmer fordert Amazon auf, die Belegschaft mehr an diesem Erfolg teilhaben zu lassen: »Wir erwarten von der Unternehmensleitung, dass die Milliardeneinnahmen endlich bei denen ankommen, die sie unter erheblichem gesundheitlichen Risiko erwirtschaften.«

Seit Jahren beißt Verdi auf Granit. Der Streik lässt Amazon gewohnt kalt, er zeige keinerlei Wirkung, lautet die Standardantwort des Etailer in Deutschland auf Arbeitsniederlegungen. »Die Pakete kommen pünktlich zu den Kunden, wir sehen keine Auswirkungen der Streiks«, zitiert auch jetzt wieder dpa einen Amazon-Sprecher.

Der weltgrößte Etailer Amazon agiert aus einer Position der Stärke, an der er selbst in Werbespots keinerlei Zweifel aufkommen lässt. »Es gibt Dinge, die sich nicht ändern lassen«, lässt Amazon Ralf zu Wort kommen. Ralf habe von schlechten Arbeitsbedingungen aus den Medien gehört. Lügenpresse sagt er zwar nicht, »aber ich würde die Arbeitsbedingungen als gut bezeichnen«, sagt einer, den Amazon zum Besuch eines Logistikzentrums eingeladen hat.  Arbeit sei nun mal Arbeit, er komme aus dem Handwerk und »kann gut einschätzen, was harte körperliche Arbeit ist«.

Gehaltslücke zum Einzelhandel

Die zwischenzeitlich von Amazon gezahlte Corona-Zulage will Verdi in einem ersten Schritt in eine dauerhafte tariflich abgesicherte Gehaltserhöhung für alle umgewandelt sehen. Zwar habe der Konzern den Beschäftigten im September eine Gehaltserhöhung von 1,8 Prozent gewährt und sich damit einmal mehr an den tarifvertraglich im Einzelhandel vereinbarten Einkommenssteigerungen orientiert, sagt Orhan Akman, Verdi-Bundesfachgruppenleiter für den Einzel- und Versandhandel. »Allerdings klafft nach wie vor eine Lücke bei Sonderzahlungen wie dem Weihnachts- und Urlaubsgeld«.

Akman entrüstet sich auch über die jüngsten Enthüllungen, wonach Amazon-Beschäftigte am Arbeitsplatz ausgespäht würden und Amazon versuche, Gewerkschaften »mit Geheimdienstmethoden« aus den Betrieben fernzuhalten. Verdi und weitere Gewerkschaften aus 15 europäischen Ländern haben von der EU-Kommission die Einleitung einer Untersuchung gefordert, die die illegalen Praktiken von Amazon aufdecken soll. 37 Europaabgeordnete haben Verdi zufolge  einen offenen Brief an Amazon-Chef Jeff Bezos geschrieben und ihn zu einer Kursänderung aufgefordert. Bezos wird wohl ein Testimonial wie Ralf in Deutschland sprechen lassen: »Es gibt Dinge, die sich nicht ändern lassen«.

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