Weniger arbeiten ohne Lohneinbußen

Freizeit-Kickback für Angestellte

21. Juni 2022, 9:40 Uhr | Martin Fryba | Kommentar(e)
Knowhere
Wenn das Helmut Kohl noch erlebt hätte: Ab August fängt für Angestellte der Hamburger Knowhere die Vier-Tage-Woche an - bei vollem Lohnausgleich.
© Knowhere

Mit seiner KI-basierte Automatisierungslösung „MoinAI“ verspricht das Hamburger Start-up Kowhere seinen Kunden viel Arbeitszeit und Ressourcen einzusparen. Und was fängt man an mit dem Eingesparten? Noch mehr herausholen aus der Belegschaft? Geschäftsführer Patrick Zimmermann hat da eine Idee.

Die Rentner zu jung, die Studenten zu alt, Urlaub zu reichlich und immer kürzere Arbeitszeiten: Berühmt ist der Ausspruch von Ex-Bundeskanzler Helmut Kohl geworden, der Deutschland auf bestem Weg zu einem kollektiven Freizeitpark sah.  Das Zitat ist nun schon 30 Jahre alt, war aber damals schon keineswegs neu. Schon immer, wenn Gewerkschaften Arbeitszeitverkürzungen forderten, sahen Arbeitgeber und ihnen nahestehende Politiker die (Arbeits-)Welt untergehen. Die 48-Stundenwoche war vor 100 Jahren die Regel, die Begrenzung auf 30 Stunden bei gleichem Lohn wird gerade von Gewerkschaften ins Spiel gebracht.

Was auffällt in der aktuellen Diskussion um Arbeitszeitverkürzung: Sie wird nicht mehr so kontrovers und emotional diskutiert wie früher. Vielleicht deshalb, weil sich der Wohlstand wegen immer kürzerer Arbeitszeiten doch nicht in Luft auflöst. Und weil Technologie in der Lage ist, wenn schon kein Schlaraffenland entstehen zulassen, so doch zumindest eine auskömmliche Wertschöpfung für Arbeitnehmer und Arbeitgeber zu generieren, die zu mehr Frei- und weniger Arbeitszeit führt. Und das ohne Kampf und Krampf.

Digitalisierung und Automatisierung machen es möglich
Patrick Zimmermann, Geschäftsführer und Mitbegründer des Hamburger Chatbot-Anbieters Knowhere, gibt dafür ein Beispiel. Im August beginnt für die rund 20 Mitarbeiter die Vier-Tage-Woche. Von Montag bis Donnerstag wird jeweils acht Stunden gearbeitet, der Freitag ist frei, und das ohne Lohneinbußen. „Wir glauben daran, dass die 40-Stunden-Woche, bzw. 5-Tage-Woche, ein veraltetes Modell ist. Mit zunehmender Digitalisierung und Automatisierung von Prozessen sind wir in der Lage in weniger Wochenstunden die gleichen Ziele zu erreichen“, sagt er. „Und warum dies nicht durch Freizeit und einer besseren Work-Life-Balance den Mitarbeiter:innen zurückgeben?“

Ziele nicht Zeiten werden entlohnt
Seinen 40. feierte Zimmermann letzten Monat, er steht also für eine jüngere Unternehmergeneration, die zu unterscheiden weiß zwischen dem grundlegend anderen Verständnis von Arbeit heute und gestern: Mitarbeiter in seiner Firma werden für definierte Unternehmensziele entlohnt und nicht für eine pauschale Arbeitszeit. Das ist einerseits konsequent, weil Kowhere mit seiner KI-basierten Automatisierungslösung „MoinAI“ viel Arbeitszeit und Ressourcen einzusparen und mehr Freiraum verspricht. Letzteres gibt Zimmermann eben seinen Mitarbeitern zurück. Er könnte freilich die hohe Produktivität in seiner Branche in eine Gewinnmaximierung lenken und noch mehr aus seinem Personal herausholen.

Dann wäre er einer von vielen Unternehmern und Managern alten Schlags, die es ja auch heute noch reichlich gibt. „Karriere wird nach 17 Uhr gemacht“, so das Memento für solche Unternehmerlenker, die als erste ins Büro kommen und es als letzte verlassen. Karriereleiter im Homeoffice emporklettern? Völlig undenkbar für Präsenzkultivierer, die Mitarbeiter um sich scharen müssen, wie der Bock die Schafsherde.

Fachkräfte locken
Zimmermann will dagegen zeigen, „wie moderne Arbeitskultur in der Realität aussieht“. Andererseits spricht aus dem neuen Arbeitszeitmodell bei seiner Firma auch eine gewisse Not. Denn wer kennt schon das 2015 gegründete Start-up Knowhere, das im Werben um rare Fachkräfte so einiges bieten muss. „Natürlich erhoffen wir uns auch im sehr umkämpften Arbeitsmarkt unsere Mitarbeiter:innen fester an uns zu binden und mit dem Alleinstellungsmerkmal der Vier-Tage-Woche ein Vorreiter moderner Arbeitskultur zu sein“, sagt Zimmermann. Er hält sein Arbeitszeitmodell für einen „sinnvollen und modernen Schachzug“.

Dass es freilich für pfiffige Programmierer noch besser geht mit der Work-Life-Balance, kann selbst für einen noch so modernen Unternehmer wie Zimmermann nicht wünschenswert sein:

Der Post von IT-Spezialist „Throwaway59724“ aus den USA erregte viel Aufmerksamkeit. Der Admin kassierte ein Jahr lang ein knapp sechsstelliges Gehalt, ohne dafür einen Finger rühren zu müssen. Seine Aufgaben erledigte ein Skript, das er zuvor programmiert hatte. Sein Arbeitgeber, eine Anwaltskanzlei, war mit der jeweils fallbezogenen Dokumentenzusammenstellung sehr zufrieden. Dass sie vollständig durch Automation erledigt wurde, interessierte die Kanzlei nicht.


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