40 Jahren Karriere im Channel

Manager und Mensch: Michael Dressen

7. Juli 2022, 13:42 Uhr | Martin Fryba | Kommentar(e)
ICT CHANNEL
"Walk and Talk", Gespräche mit Geschäftspartnern beim Wandern, Michael Dressens Leidenschaft, dieses "Format" startete er noch wenige Monate vor seinem Ruhestand. Dem Wandern in Nordportugal kann er sich jetzt ganz ohne Business widmen.
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Knallharter Sanierer? Wer Tech Data Top-Manager Michael Dressen so in Erinnerung behält, kennt den Menschen hinter dem Manager nicht. Was bleibt, wenn einer wie Dressen nach 40 Jahren im Distributionsgeschäft in den Ruhestand geht? Über tragende Werte in einer brüchigen Zeit.

Dezember 2005: ICT CHANNEL geht mit Internet-Fernsehen auf Sendung. In der ersten Folge begrüßt „CRN-TV“ Avnet-Chef Gerhard Hundt, Jürgen Rakow von Adam Riesig, Systems-Messechef Klaus Dittrich und Also-Deutschland-Geschäftsführer Michael Dressen. Bis auf Also sind alle Firmen, beziehungsweise die Münchner Messe Systems Geschichte, die sie leitenden Chefs allesamt im Ruhestand. Seit diesen Monat nun auch Michael Dressen, der nach fast 40 Jahren im Channel seine Karriere beendet. Wir wissen nicht, ob im Hause Dressen am 20. Juni ein Geburtstagsgratulant das von Udo Jürgens für diesen Anlass geschriebene Lied auflegte. Sollte das am 66. Geburtstag von Dressen der Fall gewesen sein, müssen wir dem Ohrwurm-Refrain des Rentnersongs im Fall Dressen heftig widersprechen, der da lautet: „Mit 66 Jahren da fängt das Leben an“.

Nichts deutete im letzten Interview mit dem Tech Data-DACH-Chef darauf hin, dass sich hier jemand fast 40 Jahre Leben und Spaß verkniffen und nur darauf gewartet hätte, auf Reset zu drücken. Denn erstens, dürfen wir vermuten, hatte Dressen schon immer Spaß am Leben. Jedenfalls konnte er sein Leben in einen beruflichen und einen privaten Teil gar nicht so trennen in einer Branche, in der Geschäfte zwischen Menschen eingefädelt und gemacht werden. Zweitens: Motorrad und einen Lederdress wird er sich ganz bestimmt nicht kaufen, man wird ihn weder Gitarre spielend und singend in einem Stadtpark antreffen, noch wird er als Blumenkind nach San Franzisco trampen, wie man sich halt in den 70er Jahren die Hippie-Metropole so vorstellte, die Udo Jürgens besingt.

Tech Data in besten Händen
Außerdem hätte Dressen diesen Sommer nicht in den Ruhestand gehen müssen. Tech Data bat seinen Senior Vice President  und Mitglied im Europäischen Board noch ein paar Jahre dranzuhängen. Sie wissen und schätzen schließlich, was sie an Dressen haben. Doch seine Entscheidung steht. „Ich habe vor fünf Jahren gesagt, dass im Sommer 2022 Schluss ist“. Daran gibt es nichts zu rütteln, zumal er das Tech Data-Ruder in seiner Nachfolge in besten Händen weiß.

Abseits des Camino
Dressen wird man bald im ruhigen Nordportugal beim Bergwandern antreffen können. Dort gibt es, sieht man einmal von überlaufenen Jakobswegen ab, noch nicht so erschlossene Gebirgszüge.  Nach Santiago de Compostela wird man ihn indes nicht pilgern sehen. Aus seinem Hobby hat Dressen in den letzten Manager-Monaten sogar ein Format gemacht und seine Leidenschaft fürs Wandern mit dem Business verbunden: „Walk and Talk“. Mit ausgewählten Geschäftspartnern ging er einen  halben Tag wandern,  der Abend wurde mit einem gemeinsamen Essen beschlossen. Das schafft eine enge Verbundenheit weit über das nüchterne Channel-Business hinaus. „Da erfährt man viel Persönliches, auch Schicksalsschläge“, weiß Dressen zu berichten. 20.000 Schritte an sportlichen Tagen zeichnet seine Smartwatch auf, das zu steigern sei schwierig, sagt einer, der sich Extremtouren nicht geben muss und will. Warum auch? Mensch und Manager Dressen, beide scheinen mit sich im Reinen zu sein.

Lob der Tüchtigen
So sehr, dass Business-Dressen in seinem letzten Interview sogar lobende Worte für den Wettbewerb findet: Für seinen Ex-Arbeitgeber Also und dessen CEO Gustavo Möller-Hergt. Das überrascht dann doch. Letzterer war nämlich mit ein Grund, warum er Also verlies und zu Tech Data wechselte. Zwei Alphatiere unter einem Dach, das geht selten gut, wobei Dressen und Möller-Hergt in ihrem Selbstverständnis als Topmanager unterschiedlicher nicht sein könnten. „Man muss ihm großen Respekt zollen, wie schnell er sich in die Distribution eingearbeitet hat“, sagt er und zeigt sich von Möller-Hergt angesichts der guten Also-Zahlen, die er Jahr für Jahr für den Broadliner abliefert, beeindruckt. Es sind halt nüchterne Kennzahlen, hinter denen der Manager und seine Methoden stecken, nicht aber der Mensch hervortritt.

Ob GMH nun Dressen gefeuert hat oder umgekehr, dieser selber kündigte, wie er im Gespräch klarstellt, gehört zehn Jahren nach dem Fall in das noch zu schreibende Geschichtsbuch bedeutender Channel-Manager. Und weil Historiker der politischen Geschichte neuerdings mit kontrafaktischem Denken in ihren Gutachten (Hohenzollern-Entschädigung) bis in die Gegenwart hinein wirken, darf ein Channel-Historiker fragen, ob Dressen Also nicht genauso erfolgreich saniert hätte, wie es Möller-Hergt für sich reklamieren kann.

Wie knallhart ein knallharte Sanierer sein kann
Schließlich eilt Dressen der Ruf eines knallharten Sanierers voraus, schreibt ICT CHANNEL, als er 2005 zu Also wechselt. Nun bedeutet knallhart nicht unbedingt, dass Angestellte auch hart aufschlagen müssen. Dressen über Dressen: „Ich habe noch nie einen Arbeitsgerichtsprozess wegen sanierungsbedigten Personalentlassungen geführt“. Selbst dann nicht, als er im gewerkschaftlich stark orientierten und organisierten Italien, Anfang der 90er Jahre für Computer 2000  einen lokalen Distributor restrukturieren muss. Der italienische Anwalt hält den personellen Rippenschnitt ohne Klagen der betroffenen Arbeitnehmer für schlicht unmöglich. Dressens Haltung beindruckt indes, damals wie in den Jahren danach: „Es muss einen fairen Sozialplan geben. Das war und ist für mich ganz wichtig“. Dass „Il Tedesco“ auch noch italienisch spricht, trägt bei seinem Sanierungsauftrag in Italien sicher zur gütlichen Lösung ohne Gerichtsprozesse bei.

Homo politicus
Haltung zeigen, sich an Werten auch im Top-Management orientieren, mit denen man doch sozialisiert wurde und sie der Karriere wegen auch nicht abzulegen bereit ist: Führung ausschließlich by Excel-Sheet ist Dressens Sache nicht. Er sei ein politischer Mensch, dem das Gemeinwesen und vor allem die soziale Frage wichtig sind und ihn die Themen bis heute beschäftigen, sagt er.

Mit 14 Jahren tritt Dressen in die christlichen Pfadfinder ein. Schilder mit der Aufschrift „Schwerter zu Pflugscharen“ auf Ostermärschen hält er nicht hoch. „Waffen braucht man schon“, sagt er, und neuerdings hört man diesen Satz bei friedensbewegten Grünen und Bürgern, denen die Brüchigkeit der weltweit bröckelnden Demokratien schmerzlich vor Augen geführt wird. „Glücklicherweise bin ich in der Demokratie aufgewachsen, der besten unter den schlechten Staatsformen“, zitiert Dressen Winston Churchill.


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