Pyramid

Pilot im rauen Hardware-Markt

7. August 2008, 0:00 Uhr | Martin Fryba | Kommentar(e)

Frieder Hansen führt den Computer-Hersteller Pyramid seit mehr als 20 Jahren. Im rauen Hardware- Markt blieb nicht aus, dass der Hobbypilot sein Unternehmen durch einige Turbulenzen steuern musste. Inzwischen hat der Anbieter seine Nische bei Appliances gefunden. Nachdem Hansen im vergangenen Jahr die Produktion neu aufgestellt hat, will er mit dem Unternehmen jetzt noch einmal abheben.

Die Windsäcke sind kaum gebläht und zeigen ideale Startbedingungen an: Frieder Hansen setzt seine Flight Design »Charlie Tango« in Bewegung und beschleunigt die Maschine. Keine 20 Sekunden später hebt das nur 280 Kilogramm schwere Ultraleichtflugzeug vom Rollfeld des Flughafens Bremgarten ab. An Höhe gewinnend, geht der Blick zunächst über das Logistikzentrum eines Discounters und eine Müllverbrennungsanlage, ehe vor dem Cockpit die Breisgau- Metropole Freiburg auftaucht. Dahinter erstrecken sich die Höhenzüge des Schwarzwalds. Schaut Hansen über die linke Schulter zurück, erkennt er durch den Dunst über dem Rheintal die Silhouette der Vogesen.

»Fliegen ist in unserer Zivilisation die letzte Freiheit«, schwärmt der IT-Unternehmer. Neben der Faszination, die der Flugsport auf ihn ausübt, schätzt er an dem Hobby, dass es sich ideal mit seinem Beruf verbinden lässt: Hansen führt die Geschäfte des Freiburger Computer-Herstellers Pyramid, den er 1986 gemeinsam mit seinem Partner Niko Hensler gegründet hat. Gern nutzt er den Flieger, um zu geschäftlichen Terminen etwa nach München oder Frankfurt zu reisen – oder nach Ichtershausen in Thüringen, wohin Pyramid im vergangenen Jahr die Fertigung verlegt hat. »Böse Zungen behaupten, wir hätten den Standort nur deswegen gewählt, weil sich dort in der Nähe ein Flugplatz befindet «, scherzt Hansen.

Bei aller Begeisterung für das Fliegen verliert der Vater von vier Kindern nie die Gefahren aus dem Auge: Prinzipiell gebe es drei Faktoren, die einem Piloten zum Verhängnis werden können: äußere Bedingungen, technische Mängel oder menschliches Versagen, räsoniert Hansen nüchtern. Doch je mehr Erfahrung ein Pilot erwerbe, desto besser lerne er, in kritischen Situationen angemessen zu reagieren und kein unnötiges Risiko einzugehen. Solche Gedankengänge sind ihm auch als Geschäftsführer nicht fremd. »Ich bin davon überzeugt, dass es möglich ist, durch genaues Abwägen aller Faktoren die Risiken unternehmerischer Entscheidungen zu minimieren.«

Trotzdem ist Hansen nicht der kühle Verstandesmensch, als der er mit solchen Worten erscheinen könnte. Vielmehr beschreibt ihn Olaf Jacobi, ehemaliger CEO des Software-Anbieters Collax, eines Pyramid-Spin-offs, als ausgesprochen emotional: »Er ist ein supermenschlicher Typ, der mit seinen Mitarbeitern sehr sozial umgeht.« Außerdem lasse er sich leicht für Neues begeistern.

Für sich selbst nimmt Hansen ebenso die rationale Seite in Anspruch. Ähnlich wie der Pilot wertvolle Erfahrung vor allem in kritischen Situationen sammelt, hat sich dieser Zug des Firmenlenkers wohl im Lauf der Unternehmensgeschichte ausgebildet. »Ich bin heute vorsichtiger als früher, und sicherlich hat Pyramid dadurch etwas an innovativer Schlagkraft eingebüßt. « Tatsächlich ging es für den Hersteller nicht kontinuierlich im Steigflug nach oben. Zwischenzeitlich mussten Hansen und sein gleichberechtigter Co-Pilot Hensler das Unternehmen, das sich stark diversifiziert hatte, durch einige Turbulenzen manövrieren.

Neben dem Computer-Geschäft gehörten in den 90er Jahren ein Distributor, ein Memory- Chip-Broker, ein Rack-Jobbing- Unternehmen und ein Anbieter von Telco-Anlagen zur Pyramid- Gruppe. »Es wäre besser gewesen, wir hätten uns damals stärker fokussiert «, räumt Hansen selbstkritisch ein. Den herbsten Rückschlag erlebten er und Hensler, als der von ihnen installierte Geschäftsführer des Chip-Brokers P3 sich auf Schmuggelgeschäfte einließ und erwischt wurde. Als Muttergesellschaft musste Pyramid für die Steuerschuld in Millionenhöhe aufkommen, was den Mittelständler über Jahre belastete und seinen Spielraum einschränkten.

Inzwischen hat sich das Unternehmen von einigen Geschäftsfeldern getrennt: 2003 verkauften die Freiburger den Distributor Pilot an den Aachener Wettbewerber API. 2005 entließen sie das »Ben Hur«-Geschäft mit Linux- und Security-Lösungen als Collax in die Unabhängigkeit. Das Kerngeschäft bildet heute die Fertigung von Appliances, de- dizierten Hardware-Plattformen für Software-Anwendungen. So stammen aus dem Breisgau etwa die Rechner-Module von Elektronenmikroskopen (Zeiss), Funkanlagen (Motorola) oder TV-Übertragungssystemen.

Alles in allem mag Hansen vorsichtiger geworden sein. Trotzdem scheut er nach wie vor keine Risiken. Ein Wagnis war etwa der Umzug der Produktion von Baden nach Thüringen, wo sie anfangs nicht rund lief. Aber der Fachkräftemangel und die hohen Immobilienpreise im Breisgau schränkten die Expansionsmöglichkeiten ein. »Wir waren es Leid, immer wieder neues Personal einarbeiten zu müssen, weil uns bewährte Mitarbeiter abgeworben wurden.« In Thüringen fehlt es weder an preisgünstigem Grund noch – nach dem Aus von Technologiebetrieben und dank der Hochschule Ilmenau – an gut ausgebildetem Personal. Mit der neuen Produktion im Rücken möchte Hansen nun das Wachstum forcieren. Nicht zuletzt dank seiner Offenheit für Neues wurde der gebürtige Freiburger überhaupt zum Unternehmer. In den 80er Jahren jobbte er als Student für einen Computer-Handel. Als der Inhaber die Lust verlor, übernahm Hansen kurzerhand selbst das Geschäft. Allerdings verlegte er den Schwerpunkt vom Handel aufs Assemblieren von PCs und gründete im Jahr darauf mit seinem ehemaligen Schulkameraden Hensler die Pyramid Computer GmbH. Per Telex orderten sie Komponenten aus Taiwan und schraubten die Rechner zusammen. »Wir waren damals vermutlich die ersten in Deutschland, die Computer assemblierten.« In dieser frühen Phase des PC-Zeitalters habe der Markt so viele Möglichkeiten geboten, dass man im Prinzip nur zugreifen musste, beschreibt Hansen die damalige Situation. Diese Perspektive brachte den jungen Mann dazu, seinen ursprünglichen Berufsplan aufzugeben. Denn eigentlich wollte er nach dem Geografie-Studium als Entwicklungshelfer in die Dritte Welt gehen. Als sich die Chance mit dem Computer-Handel bot, war der Plan allerdings schon ins Wanken geraten. Während eines Praktikums hatte der Student erkannt, dass Ideal und Wirklichkeit in der Entwicklungshilfe gelegentlich auseinander klaffen. So störte er sich bei einem Staudamm- Projekt in Sri Lanka vor allem daran, wie rüde die westlichen Helfer mit den Einheimischen umgingen.

Einen wie Hansen, der mit den eigenen Mitarbeitern einen respektvollen Umgang pflegt, musste solche Überheblichkeit empören. Konflikte wären vermutlich vorprogrammiert gewesen. Denn der verhinderte Entwicklungshelfer gehört nicht zu den Menschen, die mit ihrer Meinung hinterm Berg halten. So freimütig er über eigene Fehler spricht und dabei keiner Frage ausweicht, so offen kann er andere kritisieren. Anlässlich der Maxdata-Pleite vor einigen Wochen bezeichnete Hansen die Geschäftspolitik des Rivalen als Dumping: »Seit vielen Jahren hat Maxdata anderen B-Brand-Herstellern mit extrem billigen Angeboten die Kunden entzogen.«

Konfliktscheu ist der Mittelständler jedenfalls nicht. Wegbegleiter schätzen indes, dass er Auseinandersetzungen mit Argumenten austrägt und dabei nicht persönlich wird. »Frieder Hansen gehört zu den Menschen, mit denen man sich gut streiten kann«, weiß Ex-Collax-Chef Jacobi. Hinterher könne er mit ihm problemlos wieder ein Bier trinken. Das kann man allerdings auch mit ihm trinken, wenn nach einem gemeinsamen Rundflug die »Charlie Tango« wieder sicher im Hangar steht.

Der Mensch: Frieder Hansen wurde am 26. März 1961 in Freiburg geboren. Kurz vor dem Abschluss seines Geografie-Studiums übernimmt er 1985 einen Computer-Handel. Im Jahr darauf gründet Hansen gemeinsam mit seinem Schulfreund Niko Hensler, den er seit der fünften Klasse kennt, die Pyramid Computer GmbH. Der Unternehmer ist mit einer Römerin verheiratet und hat vier Kinder. Neben dem Fliegen zählt er das Mountainbiken zu seinen Hobbys.

Das Unternehmen: Pyramid Computer wird 1986 gegründet. Das Unternehmen, das anfangs PCs assembliert, diversifiziert über die Jahre stark, fokussiert sich inzwischen aber wieder stärker. 2003 verkaufen die Freiburger den Distributor Pilot an API. 2005 trennt sich Pyramid vom »Ben Hur«-Geschäft, das seither als Collax firmiert. Strategische Geschäftsfelder des Unternehmens, das gut 80 Mitarbeiter beschäftigt, bilden heute die Fertigung von Appliances und Servern sowie Lösungen für das High-Performance-Computing.
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