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Bitcoin-Zeitalter in El Salvador

Schwer bewachte Bitcoin-Geldautomaten

07. September 2021, 14:16 Uhr   |  Martin Fryba | Kommentar(e)

Schwer bewachte Bitcoin-Geldautomaten
© John Dennehy/Twitter

„Nachdem ich diese Fotos gemacht hatte, zwang mich das Militär, sie zu löschen und sah mir dabei zu. Ich konnte ein paar retten“, twittert Journalist John Dennehy.

Die meisten Salvadorianer halten nichts vom Bitcoin als offizielles Zahlungsmittel. Das Startguthaben in Höhe eines Dreifachen durchschnittlichen Tagesverdienstes ist jedoch verlockend, sich Chivo herunterzuladen. Die Risiken des Bitcoin sind enorm.

Am 7.September 2021 schlägt der Bitcoin ein neues Kapitel auf: In El Salvador ist die Kryptowährung nun offizielles Zahlungsmittel – neben dem US-Dollar, der seit 2001 die heimische Währung Colón faktisch ablöste. Händler müssen Bitcoin akzeptieren, soweit es ihnen technisch möglich ist. Dreh- und Angelpunkt für Zahlungen soll die App Chivo sein, eine Art Staats-Wallet, die Bürger auf ihr Smartphone laden und mit 30 US-Dollar Guthaben, umgerechnet in Bitcoin, starten. Das entspricht rund dem Dreifachen eines durchschnittlichen Tagesverdienstes im El Salvador.

Überweisungen aus dem Ausland, auf die viele der 6,5 Millionen Bürger des Mittelamerikanischen Landes angewiesen sind,  sowie Zahlungen ins Ausland sollen ohne Gebühren in Echtzeit möglich sein. An speziellen Chivo-Geldautomaten sollen Ein- und Auszahlungen von Bargeld (US-Dollar) - basierend auf Chivio und ausgehend vom Bitcoin-Umrechnungskurs -  möglich sein, ebenfalls ohne Kosten.

Bislang stehen lediglich vier Chivo-ATM zur Verfügung, 200 sollen es im ganzen Land werden. Sie werden derzeit schwer bewacht. Rund 20 bis 25 bewaffnete Soldaten schützen am Start-Tag des Bitcoin den Chivo-ATM, der gegenüber dem Palacio National im Herzen der Landeshauptstadt San Salvador steht, berichtet John Dennehy auf Twitter (@jdennehy_writes). Von dem Journalisten stammt auch dieses Bild.  „Nachdem ich diese Fotos gemacht hatte, zwang mich das Militär, sie zu löschen und sah mir dabei zu. Ich konnte ein paar retten“, twitterte Dennehy.

Risiken wie Totalverlust verschwiegen
Gegen den Willen der meisten Bürger und der Opposition verteidigt Präsident Nayib Bukele die Einführung des Bitcoin als offizielles Zahlungsmittel. Die Krypowährung würde das Mittelamerikanische Land unabhängig von der Geldpolitik der US-Zentralbank machen und Bürgern sowie der Wirtschaft rund 400 Millionen Dollar jährlich an Transaktionskosten im Zahlungsverkehr sparen, sagt der ehemalige Unternehmer.

Dass die hoch spekulative Digitalwährung rasanten Kursschwankungen ausgesetzt, demnach kaum kalkulkierbar ist und ein Totalverlust nicht ausgeschlossen werden kann, darüber schweigt Bukele freilich ebenso wie er die Tatsache unter den Tisch kehrt, dass Digitalwährungen unter Einsatz eines enormen Stromverbrauchs generiert werden und alles andere als eine Klima-freundliche Alternative zum Bargeld sind.

Von  alledem wissen die wenigsten Bürger El Salvadors, wie sich Dennehy selbst vor Ort ein Bild machen konnte. Er traf freilich auch auf Glücksritter, die ihr Heil in der Digitalwährung suchen. Laut einer landesweiten Umfrage der Universidad Centroamericana mit knapp 1.300 Teilnehmern im August, auf die sich dpa bezieht, würden rund 70 Prozent der Salvadorianer das Bitcoin-Gesetz ablehnen. Etwa so viele hätten ungenaue Vorstellungen vom Bitcoin. Lediglich 4,8 Prozent der Befragten hätten Bitcoin korrekt als Kryptowährung bezeichnet.

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dpa

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