Folgen des Ukraine-Kriegs

Talfahrt für Russlands Digitalbranche

12. Januar 2023, 14:28 Uhr | dpa/Martin Fryba
Exit Russia
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Nur noch Hacker haben in Russland Hochkonjunktur. Der dortige ITK-Markt aber bricht um ein Viertel ein, Tausende Digital-Experten flüchteten ins Ausland. Vom boomenden ITK-Weltmarkt ist Russland auf unabsehbare Zeit abgeschnitten.

Die Digitalbranche in Russland ist nach dem Angriff auf die Ukraine eingebrochen. Die Umsätze der russischen IT- und Telekommunikationsunternehmen sanken nach Zahlen des Marktforschungsunternehmens IDC um ein Viertel (25,1 Prozent). Der Digitalverband Bitkom veröffentlichte die Analyse am Donnerstag.

Vor dem Krieg galt die IT- und Telekommunikationsindustrie in Russland als ein aufstrebender Bereich. In den Vorjahren war der russische ITK-Markt regelmäßig stark gewachsen, 2021 sogar um fast 15 Prozent. Unternehmen wie der russische IT-Sicherheitskonzern Kaspersky waren auch international erfolgreich.

Digitaler Anschluss wohl dauerhaft verpasst
„Mit dem Angriffskrieg auf die Ukraine hat Russland seine IT- und Telekommunikationsbranche auf Talfahrt geschickt“, sagte Bitkom-Hauptgeschäftsführer Bernhard Rohleder. Russland habe sich auch in der digitalen Welt zum Paria gemacht und von den globalen Innovationen abgeschnitten. „Der Trend zur digitalen Verzwergung Russlands wird sich fortsetzen. Allein Hacker haben in Russland noch Konjunktur.“ Mit dem Exodus zig Tausender IT-Expertinnen und -Experten habe Russland auf absehbare Zeit keine Möglichkeit mehr, digital Anschluss zu finden.

Auch für das laufende Jahr rechnet der Bitkom mit einem weiteren Rückgang. 2023 werde die russische Digitalbranche um voraussichtlich 5,6 Prozent schrumpfen. Lagen die Umsätze 2021 noch bei 43,4 Milliarden Euro, so waren es 2022 nur noch 32,5 Milliarden Euro und für 2023 werden noch 30,6 Milliarden Euro erwartet.

ITK-Weltmarkt wächst
International befindet sich die Digitalbranche dagegen auf einem Wachstumskurs: Nach der aktuellen Bitkom-Prognose wird der ITK-Weltmarkt 2023 voraussichtlich um 4,8 Prozent auf 4,33 Billionen Euro wachsen. Im laufenden Jahr wird der Anteil Russlands am ITK-Weltmarkt auf nur noch 0,8 Prozent sinken, nach 1,1 Prozent 2021. Zum Vergleich: Die USA kommen auf 35,7 Prozent, die EU ohne Deutschland auf 11,8 Prozent und Deutschland auf 4,2 Prozent.

Deutsche ITK-Branche knackt 200-Milliarden-Euro-Marke

Die Digitalbranche in Deutschland zeigt sich in einem von Krieg, gestörten Lieferketten und Inflation geprägten Umfeld sehr stabil und setzt weiter auf Wachstum. Der Digitalverband Bitkom erwartet für die Unternehmen der IT, Telekommunikation und Unterhaltungselektronik im laufenden Jahr ein Umsatzplus von 3,8 Prozent, die Umsätze werden mit 203,4 Milliarden Euro erstmal über die 200-Milliarden-Euro-Marke klettern. Zugleich soll die Beschäftigtenzahl um 3,4 Prozent auf 1,352 Millionen steigen

Das größte Wachstum kann die Informationstechnik verbuchen. Mit IT werden 2023 nach aktueller Prognose 126,4 Milliarden Euro umgesetzt. Das entspricht einem Plus von 6,3 Prozent. Am stärksten zulegen können die Umsätze mit Software (38,8 Milliarden Euro; plus 9,3 Prozent). Besonders deutlich wachsen dabei die Geschäfte mit Plattformen für Künstliche Intelligenz (plus 41,8 Prozent auf 1,1 Milliarden Euro), mit Collaborative Applications (plus 15,6 Prozent auf 1,6 Milliarden Euro), also Anwendungen zur Zusammenarbeit, sowie mit Sicherheits-Software (plus 11,4 Prozent auf 3,3 Milliarden Euro).

Das Hardware-Segment wächst um 5,3 Prozent auf 39,7 Milliarden Euro, getrieben unter anderem durch steigende Ausgaben für Wearables (plus 15,3 Prozent auf 3,4 Milliarden Euro), Security Appliances wie zum Beispiel Firewalls (plus 5,2 Prozent auf 1,1 Milliarden Euro) sowie Server (plus fünf Prozent auf 3,9 Milliarden Euro).

PC-Markt rückläufig
Rückläufig sind dagegen nach starken Zuwächsen mit Beginn der Corona-Pandemie erneut die Ausgaben für mobile PCs (minus 3,4 Prozent auf 6,4 Milliarden Euro) sowie Desktop PCs (minus 1,3 Prozent auf 2,6 Milliarden Euro).

Die Umsätze mit IT-Services steigen um 4,7 Prozent auf 47,8 Milliarden Euro und erreichen damit in etwa die Wachstumsraten der Vorjahre. Das Projektgeschäft ist zumeist langfristig angelegt und weniger stark von Konjunkturschwankungen beeinflusst.

TK leichtes Plus
Der Markt für Telekommunikation wird 2023 nur noch leicht um 0,8 Prozent auf 69,5 Milliarden Euro wachsen. Am stärksten legen in diesem Segment die Investitionen in die Telekommunikations-Infrastruktur zu (plus 2,5 Prozent auf 7,7 Milliarden Euro). Die Umsätze mit Endgeräten wie Smartphones wachsen dank steigender Nachfrage nach hochwertigen Geräten im Premium-Segment sowie Geräten mit 5G-Fähigkeiten um 2,3 Prozent auf 12,1 Milliarden Euro. Dagegen stagniert das Geschäft mit Telekommunikationsdiensten, mit denen nach Bitkom-Berechnungen 49,7 Milliarden Euro umgesetzt werden – das entspricht einem minimalen Anstieg um 0,1 Prozent. Trotz höherer Bandbreiten, mehr Datenvolumen und steigender Nutzung könnten Bitkom zufolge die Umsätze mit Telekommunikationsdiensten angesichts des scharfen Preiswettbewerbs kaum gesteigert werden.

CE-Markt trifft es hart
In der Unterhaltungselektronik droht nach einem kurzzeitigen Aufschwung mit Beginn der Corona-Pandemie das dritte Minus-Jahr in Folge. Ein erwarteter Umsatz von 7,6 Milliarden Euro für 2023 bedeutet ein Minus von 7,3 Prozent. Die hohe Inflation und wirtschaftliche Unsicherheit würden das Geschäft mit Unterhaltungselektronik besonders stark belasten, so der Bitkom. Die Menschen hielten ihr Geld zusammen und würden gerade hier auf größere Anschaffungen verzichten.

 


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