Börsenabsturz von Zoom und Teamviewer

Von Affen und Analysten

8. Februar 2022, 9:23 Uhr | Martin Fryba | Kommentar(e)
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Pandemiegewinner IT-Branche? Ja, viele Firmen gehören dazu. Aber an der Börse haben fundamentale Werte noch nie gezählt, wenn die Phantasie mit Anlegern durchgeht. Zwei Beispiele für einen logischen Kursrutsch an der unlogischen Börse.

Die IT- und TK-Branche gehören wie der Online-Handel zu Profiteuren der Corona-Pandemie, heißt es. Und wie zum Beweis für dieses unvermutet schicksalhafte Glücksrittertum bestätigt der Branchenverband Bitkom mit seinem aktuellen Geschäftsklima-Index die Prosperität dieses Wirtschaftssegments. Die Geschäftserwartungen für die kommenden sechs Monate nehmen noch stärker zu als nach vorherigen Umfragen ermittelt. „Das Geschäftsklima erreicht damit das positiv geprägte Vor-Corona-Niveau“, jubelt Spitzenverband der ITK-Branche.

Eigentlich können nur eine stockende Supply-Chain in Asien, der Mangel an Halbleitern oder der sich noch mehr zuspitzende Fachkräftemangel die blendenden Aussichten des ITK-Sektors eintrüben. Die hohe Inflation schmeckt der Konsumgüterindustrie und der Unterhaltungselektronik freilich auch nicht so recht. Aber die Konsumlaune soll ja wieder zurückkehren, wenn die Europäische Zentralbank EZB Recht behält und die hohe Geldentwertung nur ein vorübergehendes Phänomen sein sollte. Alles in Lot?

Minus 75 Prozent bei Zoom
Nicht unbedingt. Zu pauschal werden die positiven Aussichten einer Schlüsselbranche dargestellt. Nicht jeder IT-Hersteller ist Pandemie-Gewinner, wie der Netzwerkspezialist Devolo zeigt. Nicht für jeden Distributor  brechen Goldenen Zeiten ein, wie Scansource Europe den Lobbyverband Global Technology Distribution Council (GTDC) Lügen straft. Und erst recht sollte man an der Börse vorsichtig sein vor allzu optimistischen Aussagen so genannter „Analysten“, die von Börsenbriefen für Anleger erst recht befeuert werden. Dazu später mehr.

Ein Blick zurück auf zwei Pandemie-Gewinner, die ihren Status so schnell verloren haben, wie er ihnen zugefallen ist. Zoom Video Communication: Die Papiere notierten in der Spitze Mitte Oktober 2020 bei rund 560 Dollar, aktuell steht 140 Dollar auf dem Kurszettel an der Nasdaq. Ein Minus von 75 Prozent. Teamviewer: Anfang Juli 2020 bei 53 Euro, seht die Aktien des Göppinger Softwareherstellers jetzt bei knapp 16 Euro. Ein Minus von 70 Prozent.

Berufsoptimist CEO
Anders als am Frankfurter Börsensegment Neuer Markt, wo um die Jahrtausendwende neben einigen Firmen mit Substanz (Cancom und Bechtle beispielsweise) vor allem viel Luft gehandelt wurde und Vorstände schamlos betrogen hatten, sind Zoom und Teamviewer durchaus wichtige Technologieunternehmen mit validem Geschäft. Für Übertreibungen an der Börse kann man die Vorstände nicht haftbar machen. Sollen die CEOs, deren grenzenloser Optimismus zur Jobdescription gehört, bei jedem Höhenflug ihrer Aktien warnend die Stimme erheben und sagen: „Hey Leute, ein Wachstum von 80, 90 oder mehr als 100 Prozent ist super, aber so wird es natürlich nicht weitergehen!“. Solche Warnungen wären geradezu geschäftsschädigend, denn die Chefs von Zoom und Teamviewer waren schließlich in der kurzen Zeit der dramatischen Hausse damit beschäftigt, ihre immer rasanter steigenden Papiere als Akquisitionswährung für Zukäufe auszugeben. Erfüllen werden sie die Erwartungen der Börse nie können, die stets zur Übertreibung neigt – und zwar sowohl nach oben wie nach unten.

Geht es nach unten an der Börsen, besinnt sich so mancher Anleger dann doch wieder einer Weisheit, die da lautet: „Greife nie in ein fallendes Messer“. Wenn ein Papier auf Talfahrt ist, sollte man es nicht kaufen. Diese sich selbst verstärkende „Regel“ wird Zoom und Teamviewer gerade zum Verhängnis. Wann der Boden erreicht ist, kann kaum jemand vorhersagen.

Affe schlägt Analyst
Die Logik diverser Börsenblättchen war es schon immer: Aktien erst hochjubeln, sie zu empfehlen, um wenig später frustrierten Anlegern Börsenweisheiten von fallenden Messern zu erzählen. Die wortreichen „Analysten“ solcher Anlegerblättchen oder solche, die dort als „Analysten“ zitiert werden, könnten auch von Affen ersetzt werden.

Man nehme beliebig viele börsennotierte Unternehmen, schreibe sie auf eine Liste und lasse trainierte Primaten Dartpfeile auf das Papier werfen. Getroffene Firmen werden ins Portfolio gelegt und mit den Tipps von „Fondsmanagern“ verglichen. So ein Spiel gab es schon einmal, und man braucht nicht einmal viel Phantasie, um vermuten zu können, wer besser abgeschnitten hat: Das Affenhirn.


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