Zertifizierung

Zwei Engel für das Rechenzentrum

1. Dezember 2021, 14:30 Uhr | Lukas Steiglechner | Kommentar(e)

Fortsetzung des Artikels von Teil 1

Komplexe Anforderungen über die Infrastruktur hinaus

Antje Tauchmann, Maincubes
Antje Tauchmann, Head of Marketing bei Maincubes: „Erfolgsentscheidend für mehr Nachhaltigkeit ist bei allen Faktoren der enge Schulterschluss aller Beteiligten – Rechenzentrumsbetreiber, Technologieanbieter, Unternehmen, Forschung, Politik.“
© Maincubes

Der Anforderungskatalog des „Blauen Engels“ zeigt anschaulich, wie verzahnt und komplex das Thema Nachhaltigkeit im Rechenzentrumsbereich ist. Es gilt, „sehr viele Faktoren zu beachten – idealerweise sogar alle eingesetzten Anlagen, verbauten Materialien und Rohstoffe“, erklärt Piet Wienke, Datacenter Consultant bei Akquinet. Das Hamburger Unternehmen betreibt momentan das einzige Colocation-Rechenzentrum, das mit dem Blauen Engel ausgezeichnet ist. Zum einen müssen Betreiber die Leistungen der großen Verbraucher im Rechenzentrum optimieren, beispielsweise der unterbrechungsfreien Stromversorgung und der Kältemaschinen. Andererseits muss laut Köhn aber auch die „Auslastung der Server dringend verbessert werden“. Betreiber sollten also beispielsweise Server, die keine Leistung erbringen, gänzlich runterfahren und die Kapazitätsplanung der IT-Systeme in der Praxis an den realen Bedarf anpassen.

Doch die Klimabilanz eines Rechenzentrums orientiert sich nicht nur am Verbrauch einzelner Komponenten. Von der Pike auf braucht es ein gesamtheitliches, nachhaltigeres Konzept für den Rechenzentrumsbau und -betrieb. Denn die Bauten selbst, mit ihren Beton- und Stahlkonstruktionen, sind oftmals weit von klimafreundlichen Konzepten entfernt. Hinzu kommen Aspekte wie beispielsweise eine gewinnbringende Abwärmenutzung. Doch hier stoßen Betreiber schnell an ihre Grenzen.

Bereichsübergreifende Ansätze gefordert

Piet Wienke, Akquinet
Piet Wienke, Datacenter Consultant bei Akquinet: „Es gilt beim Thema Nachhaltigkeit sehr viele Faktoren zu beachten – idealerweise sogar alle eingesetzten Anlagen, verbauten Materialien und Rohstoffe.“
© Akquinent

Oftmals sind entsprechende Strategien nur mit Partnern umsetzbar. Hat ein Rechenzentrum ein Konzept zur Abwärmenutzung erarbeitet, aber die umliegende Region kein Fernwärmenetz zur Verfügung, bleibt das Potenzial ungenutzt. Laut Wienke sollten sich „RechenzentrumsbauerInnen, StadtplanerInnen und EnergieversorgerInnen an einen Tisch setzen, damit das Thema von vorneherein größer gedacht wird“. Ein solches System hat großes Potenzial. Beispielsweise sollen bis 2035 zehn Prozent der Haushalte in Stockholm über Abwärme beheizt werden. In Dänemark soll  wiederum ein einzelnes Rechenzentrum von Facebook künftig 6.900 Häuser mit der kostbaren Wärmeenergie versorgen.

Auch Antje Tauchmann von Maincubes stellt fest: „Erfolgsentscheidend für mehr Nachhaltigkeit ist bei allen Faktoren der enge Schulterschluss aller Beteiligten – Rechenzentrumsbetreiber, Technologieanbieter, Unternehmen, Forschung, Politik“. Betreiber müssen ihre Rechenzentren also von Grund auf nachhaltig konzipieren, IT-Anbieter die Systeme zusehends optimieren und Unternehmenskunden einerseits mehr Nachhaltigkeit einfordern und andererseits bereit sein, in entsprechende Produkte und Dienstleistungen – die beispielsweise mit dem Blauen Engel ausgezeichnet sind – zu investieren. Aber auch die Politik ist gefordert, die entsprechenden Rahmenbedingungen zu schaffen. Vor allem die skandinavischen Länder machen aktuell bereits vor, wie neben attraktiven Umweltgegebenheiten beispielsweise für nachhaltige Kühlkonzepte auch andere Anreize gesetzt werden können. Und letztlich geht es laut Wienke „nicht nur um Anlagen und Infrastruktur, sondern um eine gute Kommunikation“. Hier ist die Branche verstärkt gefordert, sich mit Transparenz und klaren Zielen gemeinsam mit den Kunden in Richtung einer dringend notwendigen Nachhaltigkeit zu entwickeln.

Zuerst erschienen auf funkschau.de.


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