Igel nach Thin Client Hardware-Ausstieg

„Ein Übergang, kein Bruch“

17. November 2022, 8:00 Uhr | Martin Fryba | Kommentar(e)
ADN
Für ADN-Chef Hermann Ramacher ist die vermeintlich schlechten Nachricht vom Igel-Hardwareausstieg eine sehr gute.
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Jetzt heißt es bei Distributor ADN und seinen Partnern: Ran an den Microsoft dominierten Windows PC-Markt und Thin-Linux-OS in die Offices bringen. 700 Prozent Plus, rechnet ADN-Chef Hermann Ramacher vor. Warum Igels-Abschied von der Harware kein Trauerspiel ist.

Igel will sich ganz auf sein Betriebssystem konzentrieren, mit der Folge, nun die Fertigung eigener Thin Clients einzustellen. Eine Entscheidung, die nicht vom Himmel fiel. ICT CHANNEL fragte beim deutschen Management von Igel bereits vor einem halben Jahr nach der Zukunft der Hardwaresparte. Da war der Ausstieg strategisch schon längst vorbereitet, aber noch nicht spruchreif. Das deutsche Management wiegelte da noch ab: Hard-und Software aus einer Hand, erklärte man zu der Zeit noch im Interview mit ICT CHANNEL. Mit seinem größten Wettbewerber HP kam Igel da schon längst überein, dass der US-Hersteller seine Thin Clients mit vorinstalliertem Igel-OS ausliefern werde. Weitere Hersteller kamen hinzu. Die Igel-Distribution wurde ins Boot geholt, allen voran ADN – seit 1995 Partner der ersten Stunde des einst zu Melchersgruppe gehörenden Herstellers aus Bremen, dem die IT-Tochter zu groß wurde (Klumpenrisiko) und man sie Anfang 2021 an den US- Finanzinvestor TA Associates verkaufte.

Value Added Distributor ADN hatte eineinhalb Jahre Zeit, „die Transformation von Igel zum reinen Softwarehersteller aktiv vorzubereiten“, sagt ADN-Gründer und Geschäftsführer Hermann Ramacher. Thin Clients von HP und LG wurden ins Portfolio geholt, Lizenzen werden ohnehin europaweit wie gewohnt verkauft , Partner rund um das Thema VDI von dezidierten Igel-Experten telefonisch beraten und im einzigen von Igel in Europa autorisierten Trainingscenter geschult. Für Ramacher ist das Aus der Igel-Hardwarefertigung „ein Übergang, kein Bruch“. Ein Wandel also, den Ramacher als VDI-Pionier und visionärer Märktemacher Mitte der 90-er Jahre gegen den „Windows Fat Client“ angestoßen hatte.

RMA und Lizenzen bei Geräteqechsel gesichert
Die Igel-Modelle UD2, UD3 und UD7 werden zum Ende März 2023 eingestellt. Garantie (5 Jahre), Gewährleistung werden von ADN fortgeführt. RMA würde von darauf spezialisierten Reparaturdienstleistern erledigt, die Ersatzteile auf Lager genommen haben. Sollten Kunden ihren UD Thin-Client jetzt oder in Zukunft ersetzen wollen, sorgt ADN für die Portierung der vorhandenen Igel-Software und -Lizenzen auf eine neue Hardware von einem Drittanbieter. „Partner werden nicht allein gelassen“, sagt Ramacher.

Michael Broos, Business Development Manager bei ADN, wirbt bereits für die neuen „Igel-ready-Hardwarepartner“ HP und LG: „Höchstmaß an Flexibilität, Preis, Formfaktor, Verfügbarkeit, ohne Kompromisse bei Sicherheit, Leistung und dem Management der Endgeräte.“ Vor allem die schicken All-in-One-Geräte passen gut in den, neudeutsch, modern Workplace, der bei vielen Unternehmen einen neuen Mittelpunkt zuhause bei den Mitarbeitern gefunden hat.

Wem ein schlankes Thin Client-Notebook noch zu klobig ist, steckt seinen Rechner in die Hosentasche. Mit dem UD Pocket kann das Igel-OS von einem USB-Stick gestartet werden. Der soll laut ADN „eine sichere Lösung für Bring Your Own Device und Disaster Recoverie-Szenarien“ sein. ADN und die Schweizer Tochter BCD-Sintrag werden Igels UD Pocket weiter verkaufen – Test und Demo kostet 20 Euro.

Kampf gegen Windows-Dominanz geht in die nächste Runde
VDI und Thin Clients sind längst etabliert und keine exotischen IT-Konzepte, wie noch vor 20 Jahren. Sonst wären traditionelle PC-Konzerne wie HP, Dell und auch LG bei vollausgestatteten Personal Computer geblieben und hätten Thin Clients nicht in ihre Portfolien genommen. Sie tun es aus mehreren Gründen, wie Hermann Ramacher erläutert: „Der Markt spricht eine deutliche Sprache: Rund 500 Millionen Unternehmens-PCs befinden sich im Einsatz, Cloud-Workspaces befinden sich im rasanten Aufstieg. Daher geht Igel den konsequenten Schritt und setzt alle verfügbaren Ressourcen dafür ein, die sichere Softwareplattform und das Betriebssystem für die nächste Generation des Computing - VDI, DaaS, SaaS - zu sein.“

Trauer um Igels-Hardware? Gut so!
Sollte die Prognose von Igel eintreffen, dass auf 15 bis 20 Prozent der rund 500 Millionen Business-PCs künftig ein Thin-Linux-Betriebssystem läuft, wollen die PC-Hersteller mit einem entsprechenden Angebot mit dabei sein. Ramacher rechnet vor: Der von Igel zu adressierende Markt von heute fünf Millionen Thin-Clients steigt auf rund 40 Millionen Geräte pro Jahr – eine potenzielle Umsatzsteigerung um 700 Prozent. „Da sehen wir hervorragende Möglichkeiten für unsere Partner, mit Igel-Hardwarepartnern und ihren Services lukrative Angebote rund in diesem spannenden Markt zu entwickeln“, sagt der ADN-Chef und dreht die Botschaft des Abschieds von Igels-Hardwaregeschäft dorthin, wo ein so beharrlicher Unternehmer wie Ramacher positiv in die Zukunft sieht: „Es ist nur eine vermeintlich schlechte Nachricht, in Wirklichkeit aber eine große Chance für unsere Partner und ADN“.

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