Warum Prime Computer aufgab

Gescheitert und doch viel gewonnen

16. Januar 2023, 14:09 Uhr | Martin Fryba
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Das Aus für Prime Computer kam für Partner überraschend. CEO Sacha Ghiglione hat es nicht von langer Hand geplant. Was er aber „meisterhaft“ konnte: Die Überforderung zu überspielen - bis seine Maske nicht mehr trug. Eine mutige Offenbarung, über die vermeintlich harte Manager nie sprechen würden.

September 2022: ICT CHANNEL berichtet von der Einstellung des Geschäftsbetriebs beim Schweizer PC-und Serverhersteller Prime Computer. Die Meldung kam überraschend. Dass das Wettbewerbsumfeld für jeden PC-Hersteller schwierig ist, war kein Geheimnis. Doch Prime Computer, 2013 gegründet, schien mit seinen hochwertigen, lüfterlosen und auf Nachhaltigkeit ausgelegten Servern und Mini-PCs eine Nische gefunden zu haben. Ein neues Notebook wurde vorgestellt, die klare Channelstrategie überzeugte Partner, Boston, ADN und die Schweizer Tochter BCD-Stintrag sowie Broadliner Ingram Micro wurden als Distributoren gewonnen, ein Partnerprogramm aufgelegt, Channel-Profis für den Vertrieb und ein CFO für die Expansion an Bord geholt. Es tat sich viel bei Prime Computer, zu schnell zu viel, das bei CEO Sacha Ghiglione auflief.

Wochen zuvor klagten einige Partner darüber, dass die Kommunikation teils abbrach. Es sei der Eindruck entstanden, „die ehemalige Führung“, also vor allem Ghiglione, „verkriecht“ sich, wie IT Reseller Swiss im Interview mit Marcel Weber von der PCP.com schrieb, dessen Firma die Marke, Teile des Produktions- und Lagerbestands sowie Garantieverpflichtungen übernahm (ICT CHANNEL berichtete). „Verkriechen“ ist nicht ganz falsch, wenn man den Klinikaufenthalt von Sacha Ghiglione so bezeichnen will. Der CEO musste sich behandeln lassen, wie er jetzt in seltener Offenheit über seinen persönlichen Gesundheitszustand auf Linkedin berichtet. „Ich war ausgebrannt“.

Bereits früh 2021 deuteten sich Ghiglione zufolge erste Anzeichen für einen Burnout bei ihm an. „Die habe ich völlig ignoriert und heruntergespielt”, sagt er. „Ich habe, Meister der Verstellung, eine Maske aufgesetzt”. Zu stolz sei er gewesen, die Stressanzeichen zu akzeptieren, „zu schwach, um darüber zu reden“, wie er berichtet. Er habe geglaubt, als CEO immer verfügbar sein und die Gesundheit stets über das Geschäft stellen zu müssen. Die sei dann im vergangenen September völlig aus dem Gleichgewicht geraten. „Das Fass lief über“.

Ghiglione musste sich ärztliche Hilfe holen, suchte eine Klinik auf – „wieder ein großer Schritt, das zu akzeptieren“. Die vier Wochen Wartezeit bis zu einer stationären Aufnahme (auch die Kliniken in der Schweiz sind wegen vieler Burnout-Patienten überfüllt) seien die schwersten und dunkelsten seines Lebens gewesen.

Die Führungskräfte und das Aufsichtsgremium bei Prime Computer hat Ghiglione über seinen Gesundheitszustand freilich spät informiert. Ein zuvor gesundheitlich angeschlagener CEO, der seiner Firma nicht mehr mit ganzer Kraft zur Verfügung stehen kann, hat die Situation der Firma ganz sicher nicht besser gemacht. Im Nachhinein weiß Ghiglione, dass er seine angeschlagene Gesundheit hätte früher erkennen und darauf reagieren müssen. Seine schonungslosen und offenen Worte mögen vielleicht anderen Unternehmern und Führungskräften zur Einsicht verfehlen, wie notwendig es ist, körperliche und mentale Signale der Überforderung bewusst wahrzunehmen. Ein ärztliches Bulletin über den Vitalzustand von Spitzenkräften gibt es nicht. Ein CEO, der Work-Life-Balance für neumodischen Firlefanz hält, ist womöglich schon mehr aus dem Gleichgewicht geraten als er denkt.

Sacha Ghiglione hat übrigens in der Klinik recht schnell seine Mitte wieder gefunden und vor allem Kraft und Mut geschöpft, über sich nachzudenken und über seine wohl schwerste persönliche Krise offen zu sprechen. Die vielen Kommentare auf seine Linkedin-Beiträge zeigen: Er steht nicht alleine da. Als Mensch hat er ohnehin mehr gewonnen als der Manager Ghiglione verloren hat.

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