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New Normal im Channel: DSAG

»Aus der Wirtschaftskrise nichts gelernt«

21. Juli 2020, 08:25 Uhr   |  Martin Fryba | Kommentar(e)

»Aus der Wirtschaftskrise nichts gelernt«
© DSAG

Otto Schell, stellvertretender Vorstandsvorsitzender DSAG e.V.: »Die Hilfsmaßnahmen dürfen nicht eingesetzt werden, um sich aus der unternehmerischen Verantwortung zu ziehen.«

Von wegen Schub durch Corona. DSAG-Vize Otto Schell sieht eher ein Verwalten des Ist-Zustands statt Digitalisierung mutig anzugehen. Er warnt vor Unternehmern, die Rettungsschirm und Kurzarbeit ausnutzen, »um finanzielle Vorteile künstlich zu verlängern«.

Mehr als 60.000 Mitglieder aus über 3.500 Unternehmen, die Lösungen des größten Softwareherstellers in Europa einsetzen oder implementieren: Die Deutschsprachige SAP-Anwendergruppe e. V. (DSAG) hat daher einen besonders guten Überblick zum Stand der Digitalisierung in Deutschland, Österreich und der Schweiz. Die Umfragen des einflussreichen  Industrieverbands gelten als repräsentativ, zumal die DSAG sowohl für DAX-Konzerne als auch den Mittelstand sprechen kann. Zum bundesweiten Digitaltag am vergangenen Montag zogen die Walldorfer ein ernüchterndes Fazit.


Fast zwei Drittel der von ihnen befragten Unternehmen sehen sich bei der Digitalisierung als »nicht sehr weit«, vor zwei Jahren war mehr »digitale Euphorie«, so die DSAG. Einen Digitalisierungsschub durch Corona mag die IT-Branche durchaus spüren,  DSAG-Vize Otto Schell sieht die digitale Zukunft indes weit weniger rosig, wie er im CRN-Interview darlegt.

CRN:Die digitale Euphorie war schon mal größer, schreibt jüngst ihre Organisation.  Anders als die IT-Branche spricht die DSAG von keinem Digitalisierungsschub durch die Covid19-Pandemie. Also doch ein Zurück zu Pre-Corona-Zeiten?
Otto Schell: Es wird vermutlich ähnlich wie nach der Finanzkrise weitergehen. Auch damals wurden alte Geschäftsmodelle weitestgehend beibehalten. Es gab keine Lerneffekte daraus und eine lange Übergangsperiode ist zu erwarten. Durch Covid-19 wird allerdings die Kluft zwischen denen, die investieren können und denen, die weiterhin am Limit arbeiten, größer werden. Sich jetzt mit neuen Modellen auseinanderzusetzen, bedeutet Mut zu haben. Insgesamt hat die Krise aber auch gezeigt, dass mobiles Arbeiten möglich ist. Das werden Unternehmen sicherlich nutzen, um Abläufe und (Büro-)Flächen zu rationalisieren. Hier werden also die bekannten Denkmodelle greifen, um die Effizienz zu steigern.


CRN: Die da heißen: Kosten abbauen statt über Innovationen und neue Geschäftsmodelle nachzudenken?
Schell: Voraussichtlich werden Unternehmen Investitionen verschieben und neu bewerten. Die Gefahr ist in der Tat groß, dass beispielsweise Themen wie die Digitale Transformation und Transformationsprojekte, die erstmal wirtschaftlich nicht attraktiv sind, hintenangestellt werden. Somit ist zu befürchten, dass die Situation bei einer neuen Krise ähnlich sein wird. Daher ist jetzt der richtige Zeitpunkt für die Unternehmen zu handeln und sich sowie ihre Geschäftsmodelle nachhaltig zu verändern.


CRN:  Dafür fehlt vielen Unternehmen neben einem Mangel an Ideen wohl jetzt in der Krise auch noch Geld.
Schell: Es ist zu befürchten, dass der Fokus erst einmal auf Cash-In liegen wird. Die Folge wird sein, dass vermutlich Investitionsprojekte, die dringend benötigt werden, um neue Geschäftsmodelle zu schaffen, ausgesetzt werden. Weiter ist zu befürchten, dass der Ist-Zustand verwaltet wird, anstatt dass in flexible Prozess- und Systemlandschaften oder intelligente Architekturen und Netzwerke zu investieren, um zum Beispiel eine intelligente Logistik anzugehen.


CRN:  Ist-Zustand verwalten ging ja plötzlich nicht mehr. Ein Teil des Inventars musste im Lockdown zwangsläufig ins Homeoffice und danach wieder ins Büro. Business as usual, wo doch alle über neue Arbeitsplatzkonzepte reden?
Schell: Zu Beginn der Krise hat sich vor allem gezeigt, wie wenig Unternehmen und Gesellschaft auf Home-Work vorbereitet waren. Teilweise war das Thema ein echtes Tabu. Globale und darauf ausgerichtete lokale Rahmenbedingungen fehlen. Es herrschen auch Ängste in den Unternehmen, ein Stückweit die Kontrolle über die Mitarbeiter aufzugeben. Hier kann die Corona-Krise helfen, Hürden zu nehmen. Auch die Führung muss sich in solchen Zeiten verändern. Eine neue Art von Vertrauen wird wichtig.


CRN:  Politische Konflikte haben den Freihandel bereits vor dem globalen Shutdown beschädigt, dann hat die Corona-Pandemie freie Grenzen für Waren und Menschen vorerst geschlossen. Müssen wir Globalisierung der Wirtschaft neu denken?
Schell: Ja, das müssen wir. Schon vor der Corona-Krise gab es in Europa, den USA und in China Tendenzen zum Protektionismus. Dass physische Grenzen aufgebaut wurden, um die Ausbreitung des Virus zu begrenzen, ist nachvollziehbar. Doch dass diese Grenzen jetzt genutzt werden, um den Protektionismus weiter zu stärken, nicht. Die Krise zeigt deutlich: Dank neuer Technologien sind wir in der Lage, anders global zu agieren. Sie zeigt aber auch, dass wir eine globale Verantwortung haben, der wir noch nicht gerecht werden. Hier braucht es neue Mechanismen, um Gesellschaft und Unternehmen Optionen für die Zukunft zu geben.


CRN:  Freiheit, Freizügigkeit, Konsum und freie Märkte: Viele Menschen und Unternehmen in Demokratien erfahren erstmals einen »starken Staat«, der Grenzen setzt, der Sicherheit vor Freiheit stellt, der massiv mit Hilfsprogrammen unterstützt. Was läuft gut, was nicht?
Schell: Das Ziel der Bundesregierung, das Gesundheitssystem nicht zu überlasten und damit dessen hohen Standard zu erhalten, sollte Priorität haben. Dass der »Lockdown« schwer zu verstehen ist, liegt daran, dass er für eine analoge Welt zum Teil zu abrupt kam. In solchen Situationen fehlt der digitale Zwilling. Dennoch ist klar: Es gab keine Alternative, um nicht noch mehr Menschen zu gefährden. Positiv zu bewerten sind die Rettungspläne der Regierung, auch Kleinunternehmer kurzfristig und unbürokratisch zu unterstützen. Zudem ist Kurzarbeit ein Mittel der Wahl, an dem sowohl Arbeitnehmer als auch Arbeitgeber hängen. Das sind auf der einen Seite wichtige Stützen für das System, um Arbeitsplätze zu erhalten und Stabilität in die Gesellschaft zu bringen.


Auf der anderen Seite muss jedoch beobachtet werden, wie Unternehmen beim »Wiederanfahren« die Rettungsschirme, beziehungsweise  Kurzarbeit nutzen, um finanzielle Vorteile künstlich zu verlängern. Die Hilfsmaßnahmen dürfen nicht eingesetzt werden, um sich aus der unternehmerischen Verantwortung zu ziehen. Insgesamt zeigt die Pandemie, dass Diskussionen beispielsweise  über ein bedingungsloses Grundeinkommen oder die Ausweitung künstlicher Intelligenz konsequenter geführt werden sollten. Und sie spiegelt einmal mehr wider: Wir haben aus der Wirtschaftskrise nichts gelernt.

In der CRN-Serie »New Normal im Channel« sind bislang die Interviews erschienen:

Hermann, Ramacher, ADN: »IT muss neu gedacht werden«
Ralf Koenzen,Lancom:Einbrüche bei der Produktivität? »Im Gegenteil«
Santosh Wadwa, Fujitsu: »Neue Bezahl-Modelle sind wichtig«
Dietmar Nick, Kyocera: »Nein, nein und definitiv nein!«
Alexander Maier, Ingram Micro: »Flächenbrand im Mittelstand«
Jacques Diaz, Axians: »Corona hat als Wake Up Call gewirkt«

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