Anwendungs-Modernisierung

Frischzellen-Kur für Mainframes

10. Juni 2022, 11:12 Uhr | Lars Bube | Kommentar(e)
IBM AS400 Mainframe
© Petr Ivanov - AdobeStock

In hochsensiblen Bereichen wie dem Banken- und Versicherungswesen bleiben Mainframes auch im Cloud-Zeitalter die erste Wahl. Während die Hardware der Dinos meist auf recht aktuellem Stand ist, bereiten die Anwendungen den Verantwortlichen regelmäßig Kopfzerbrechen.

Waren Mainframes einst das absolute Nonplusultra der Großrechenanlagen, wurden sie in den letzten 15 Jahren erst von immer leistungsstärkeren Servern und flexiblen Datacenter-Infrastrukturen verdrängt, die heute wiederum zunehmend als Service aus der Cloud geliefert werden. Dennoch sind Mainframes in manchen wirtschaftlichen Segmenten auch heute noch immer die erste Wahl, und das aus gutem Grund: Zwar haben sie modernen Cloud-Computing-Infrastrukturen in Sachen Rechenleistung und Skalierbarkeit nichts entgegenzusetzen, dafür punkten sie mit Sicherheit, Verfügbarkeit und extrem hohem Durchsatz. Vorteile, die vor allem überall dort gefragt sind, wo viele einfache Vorgänge parallel nahezu in Echtzeit abgearbeitet werden müssen und dabei ein besonderes Augenmerk auf die Sicherheit der Daten und die Zuverlässigkeit der Systeme gelegt wird. Gerade bei Banken, in der Finanzwelt sowie bei Versicherungen, aber auch in der Verwaltung und bei einigen Industrie-Unternehmen werden die vermeintlichen Dinos deshalb noch immer gerne eingesetzt.

Wirklich schwerfällig sind die Legacy-Datenserver eher auf Seiten der Software. Die Anwendungen sind oft schon in die Jahre gekommen und sowohl ihre Modernisierung als auch ihre Ablösung gestaltet sich angesichts der hohen Anforderungen sowie fehlenden Alternativen und Fachkräften schwierig. „Der unvermeidliche Wandel, den neue Technologien wie Cloud Computing mit sich bringen, stellt auch hier immer mehr Unternehmen vor die Frage, wie eine Modernisierung realisierbar ist“, erklärt Armin M. Warda, FSI EMEA Chief Technologist bei Red Hat. Er unterscheidet dabei fünf Grundszenarien:

Replacement: Durch die besonderen Anforderungen der Mainframe-Welt ist die Ablösung einer Applikation durch eine andere eine knifflige Angelegenheit. Alleine schon deshalb, weil in der Migrationsphase die alte und neue Anwendung meist parallel betrieben werden müssen. Zudem zieht das Replacement üblicher Weise einige Umstellungen auf organisatorischer Ebene nach sich, die schon vorab gut geplant sein müssen, um die kritischen Geschäftsabläufe nicht zu blockieren.

Emulation/Rehosting: Wenn Unternehmen den Mainframe ganz oder teilweise ablösen, müssen sie die betroffenen Anwendungen häufig zunächst auf alternative Deployment-Plattformen verschieben. Obwohl sich schon damit meist Einsparungen erzielen lassen, ist dies oft nur die Vorbereitung für weitere Schritte.

Translation: Hier steht der vorhandene Anwendungscode im Fokus. Meist wird dieser von den Programmierern in modernen Programmiersprachen nahezu komplett neu geschrieben. Auf diese Weise entledigen sich Unternehmen der oft alten, umständlichen und nur noch von wenigen Spezialisten beherrschten Sprachen und profitieren von neuen Compilern sowie Laufzeitumgebungen. Warda empfiehlt hier die Wahl eines Codes für Cloud-native Umgebungen, um für die Zukunft eine größtmögliche Flexibilität zu erlangen. Die so übersetzten Anwendungen können dann sowohl in einer Public-, Hybrid- oder Private Cloud als auch auf einem Server oder dem Mainframe laufen und jederzeit ohne großen Aufwand verschoben werden.

Refactor: Im Gegensatz zur Translation strukturiert der Refactor-Ansatz nur bestimmte Komponenten der Applikation um und öffnet damit die Tür für Technologien wie Container und Microservices. Andere Code-Abschnitte bleiben hingegen unverändert.

Rearchitect/Rebuild: Unternehmen entwickeln und designen die gesamte Anwendung vollständig neu. Ähnlich wie bei der Translation empfiehlt sich dabei die Wahl einer möglichst flexiblen Plattform.

In der Praxis lassen sich diese Szenarien selten so klar trennen und werden vermischt, greifen ineinander oder bauen aufeinander auf. Etwa dann, wenn Anwendungen zunächst per Rehosting verschoben werden, bevor sie übersetzt, neu geschrieben oder ersetzt werden. Zudem nutzen die Unternehmen meist eine Vielzahl von Applikationen auf ihren Mainframes, für die es im Falle einer Ablösung der Hardware verschiedene Wechsel- und Ersatz-Strategien gibt. Dann kann der vermeintlich einfache Wechsel schnell zu einer hochkomplexen Herausforderung werden. Immerhin gibt es moderne Technologien und Spezialisten, die helfen können, diese in den Griff zu bekommen. „Heute stehen den Konzernen allerdings erprobte Enterprise-Kubernetes-Plattformen und spezialisierte Implementierungspartner zur Verfügung, die dabei helfen, die Risiken bei einer Umstellung unter Kontrolle zu halten“, gibt Warda ein Stück weit Entwarnung. Mag es also auch keinen einheitlichen Lösungsansatz für Modernisierungsprojekte von Mainframe-Applikationen geben, so erleichtern diese Optionen den betroffenen Unternehmen immerhin doch die Suche nach dem für sie passenden Migrationsweg. „Enterprise-Kubernetes-Plattformen gewährleisten Anwendungsportabilität und Interoperabilität der eigenen Rechenzentren und Mainframes mit privaten sowie öffentlichen Clouds und ermöglichen es, dass Banken sowie Finanzinstitute ihre Legacy-Anwendungen heute mit geringeren Risiken als je zuvor modernisieren und zukunftssicher gestalten können“, so der Red-Hat-Spezialist.


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