Was auf das Netgo-Management zukommt

Gut bekanntes Fusions-Fiasko

7. Oktober 2021, 16:37 Uhr | Martin Fryba | Kommentar(e)
Netgo Group
Auf die neuen Netgo-Manager CEO Oliver Mauss (links)und CFO Alexander Blum wartet viel Arbeit, nicht zuletzt die auf 1.200 Mitarbeiter schnell gewachsene Systemhaus-Gruppe zu einer schlagkräftigen Einheit zusammenzuführen.
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Im Rekordtempo hat Investor Waterland die Systemausgruppe Netgo wachsen lassen. Müsste die neue Doppelspitze aus CEO und CFO jetzt nicht vielmehr an Integration denken statt das Konglomerat noch größer werden zu lassen?

Ein Systemhausgründer scheidet nach 15 Jahre aus, will mehr Zeit für die Familie haben nach all der turbulenten Aufbauarbeit, die seit dem Verkauf des eigenen Unternehmens 2019 an eine große Privat Equity-Gesellschaft an Dynamik noch erheblich zugenommen hat. 1.200 Mitarbeiter, 38 bundesweite Standorte, über 280 Millionen Euro Umsatz: Allein in den letzten zwölf Monaten sind unter das von Waterland finanzierte Netgo-Dach Schwergewichte dazugekommen wie Cema (250 Mitarbeiter), Arxes Tolino (300 Angestellte) und CMS (150 Beschäftigte). Das sind beeindruckende Akquisitionen, die der nun bei der Netgo-Gruppe ausgestiegene CEO Benedikt Kisner mit seiner eindringlichen Überzeugungskraft und seinem Verhandlungsgeschick eingefädelt hat.

Einen Beratervertrag hat er noch. Das klingt überlicherweise nach Elefantenfriedhof,  wenn Investoren verdiente Gründer abschieben, die nichts mehr zu sagen haben sollen und wenigstens noch auf dem Papier  mit einem Mandat geehrt werden, das eigentlich einem Ruhestand gleichkommt. Bei Kisner ist es etwas anderes. Er bleibt noch als Gesellschafter der Netgo-Gruppe erhalten. Mit Mitte 40 ist er außerdem noch viel zu jung für die Hängematte.

International beschlagener CEO
Strategisch ist nun CEO Oliver Mauss für die Systemhausgruppe verantwortlich. Ein mit internationaler Erfahrung beschlagener Manager, der Stationen bei Vodafones Geschäftskundensparte und dem Hosting-Geschäft bei 1&1/United Internet, der heutigen Ionos, sowie Plusserver aufweisen kann. Das Cloud-Geschäft kennt er also bestens. Er mischt auch in der europäischen Cloud-Liga mit - als Mitbegründer von GAIA-X.

Ihm zur Seite steht Alexander Blume. Der neue CFO kennt sich mit harter Restrukturierung aus, er hat sie unter anderem bei Gigaset exerziert. Sein Vorgänger bei Netgo Christoph Junge, mit  Einstieg von Waterland zur Netgo-Gruppe gestoßen, hat nach eineinhalb Jahren den Job hingeschmissen und ist wieder zurück zu Adesso gegangen.

Wie sich überhaupt personell viel verändert hat, wenn man so schnell wächst, nicht aber zwangsläufig zusammenwächst. „Viele Ansprechpartner erreicht man nicht mehr“, beklagt ein Partner, der die Netgo als Lieferant nutzt. Es sei „viel ruhiger geworden als noch vor Jahren“.

Dass jener Start-up-Geist in Borken nicht mehr so spürbar sein soll, seit Waterland die Leinen des Managements in der Hand hält, dürfte sicher der rasanten Expansion geschuldet sein. CEO Mauss und CFO Blume sollen und wollen ihren Beitrag leisten, dass die weiter sehr ambitionierten Ziele der Netgo-Gruppe in Erfüllung gehen. Es wird auch ihre Aufgabe sein müssen, jetzt die vielen Unternehmenskulturen zu vereinen, der Netgo-Gruppe eine übergeordnete Identität zu geben.

Chefsache Integration
Benedikt Kisner steht als Integrationsfigur nicht mehr zur Verfügung, und dass Mitbegründer Patrick Kruse und  Andre Hüttemann weiter die Netgo GmbH am Stammsitz Borken führen und Ex-Bechtle-Manager Bernd Krakau der Gruppe als COO erhalten bleibt, löst die notwenigen Aufgabe nicht, Synergien zu schaffen und vor allem ein Wir-Gefühl als große Systemhausgruppe zu entfachen. Die letzten beiden dürren Sätze der Pressemeldung, in denen Kruse, Hüttemann und Krakau erwähnt werden, könnte schlicht auf Nachlässigkeit zurückzuführen sein. Es gilt schließlich so viele neue Köpfe in so kurzer Zeit auf die vielen offenen Aufgaben zu verteilen.

Integration wäre auch eigentlich Chef-Sache. Wie man sie verbockt, kann man aus der Vergangenheit lernen. Ein Blick auf frühere Ambitionen von Waterland im deutschen Systemhausmarkt lohnt. Es ist zwar schon lange her, dass die Niederländer hierzulande schon einmal versucht hatten, den IT-Dienstleistungsmarkt aufzumischen. Die Technologien haben sich seither freilich verändert. Die Herausforderungen, die Waterland-Gründer Rob Thielen vor 15 Jahren hatte, allerdings nicht. Ein Blick zurück.

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