Schwerpunkte

Synaxon-Keynote mit Sprengkraft

Haltung in haltlosen Zeiten

14. Mai 2020, 15:59 Uhr   |  Martin Fryba | Kommentar(e)


Fortsetzung des Artikels von Teil 1 .

Prekäre Gehälter auch in der IT-Branche

Freiheitliche Demokratien sieht Frank Roebers weltweit in einer Krise. »So viel Hass, Hetze, Dummheit, Leugnung von Fakten, Lüge als Gestaltungsmittel habe ich in meinem Leben noch nie gesehen, wie in den letzten drei Jahren – und das ist brandgefährlich«. Populisten würden stärker, auch weil eine immer noch schweigende Mehrheit ihnen nichts entgegensetze. »Beendet das Schweigen, bezieht klar Stellung«, appelliert Roebers. Es sei ja so, dass jene, die jetzt aufgrund der Corona-Pandemie gegen die Einschränkungen der Freiheitsrechte auf die Straße gehen und Meinungsfreiheit sowie Demonstrationsrecht für sich beanspruchen, die ersten wären, die diese Rechte außer Kraft setzen würden, bekämen sie politische Macht, warnt Roebers. »Ich will nicht in einem Land leben, das von Idioten regiert wird«.


Neuauflage Radikalenerlass
Eine erste, wenn auch nur - aber immerhin - auf dem Papier vollzogene Maßnahme, hat Roebers bei Synaxon bereits getroffen. Die Mitarbeiter einigten sich auf eine Ergänzung ihres  Unternehmensleitbilds. Allein dass es überhaupt ein Leitbild in einem IT-Unternehmen gibt, dürfte eine Ausnahme sein. Einmalig ist dagegen die in den Wertekatalog von Synaxon neu aufgenommene »Anti-Extremisten-Klausel«.  Man werde sich von allen Geschäftspartnern und Mitgliedern der Kooperation trennen, »die dadurch auffallen, dass sie rassistische, intolerante und grundgesetzfeindliche Ansichten haben«, kündigt Roebers an. Rund 50 Jahre nach dem Radikalenerlass  sieht Roebers in diesem um ethische Werte erweiterten Leitbild auch handfeste Business-Vorteile.

Wertegeleitete Unternehmen seien im Werben um junge Talente attraktiver und damit erfolgreicher, so der Synaxon-Chef. Arbeit als Sinnstiftung, Relevanz schaffen für das Gemeinwohl: Geld ist bei vielen jungen Menschen nicht mehr das einzige Mittel, das die Welt regiert.


Das ergänze sich übrigens auch ideal mit einem weiteren Handlungsfeld, das IT-Unternehmen viel Potenzial verspreche, sagt Roebers: Lösungen zur Reduzierung des Stromverbrauchs und damit des ökologischen Fußabdrucks. IT ist ein Treiber in beide Richtungen: Steigender Strombedarf vor allem durch immer noch viel dezentrale IT und wachsende Zahl an Mega-Rechenzentren, aber auch bessere Energieeffizienz durch eben diese Mega-Rechenzentren und zunehmendes Cloud Computing. »Beim Klimaschutz brauchen wir uns nur an die Strategie und die Kampagnen von Microsoft dranhängen«, sagt Roebers.


2.000 Euro brutto
Klare Kante gegen Extremisten und für Klimaschutz. Der Synaxon-Chef nennt noch eine dritte Handlungsoption, die ins Herz trifft und wörtlich genommen tödlich ist für manchen IT-Unternehmer: Schluss mit einer weiteren Spreizung der Einkommen und Vermögen zwischen reich und arm, Weg mit prekärer Bezahlung auch in der IT-Branche. Bei Löhnen unter 2.000 Euro brutto (bzw. etwas höher in Ballungsräumen),  die es bei rund 15 bis 20 Prozent der Synaxon-Partner durchaus gäbe, sieht Roebers grundsätzlichen Handlungsbedarf. »Wechselt das Geschäftsmodell auf Services und Einnahmen aus vertraglichen Dauerschuldverhältnissen«. Wer Löhne am Existenzminimum zahlt, braucht keine ethisch hohen Ziele formulieren. Man muss sich positive Leitbilder leisten können, gerechte Entlohnung auch leisten wollen.


Doch was ist schon sozial gerecht in einer demokratisch-freiheitlichen Marktwirtschaft wie Deutschland, wo der  Verteilungskampf härter wird? Wo immer noch oder erst recht das Fressen vor der Moral kommt? Roebers verweist auf die Entwicklung der Unternehmensgewinne in den westlichen Wohlstandsnationen, die in den letzten 20 Jahren »dramatisch nach oben« geschossen sind, während die Realeinkommen der meisten Arbeitnehmer stagnierten. »Wir haben es zu weit getrieben«.


Mit »wir« spricht  Roebers im Live-Stream explizit »uns alle« an, die nicht wie ein Fünftel der bundesdeutschen Bevölkerung von weniger als 913 Euro im Monat leben müssen. »Der Siegeszug der Populisten hat seine Ursache auch im Versagen der Eliten«.


Viel Applaus
Haltung in haltlosen Zeiten ist selten, setzt vor allem in der IT-Branche ein Innehalten voraus, das dem Speed der Innovationsgeschwindigkeit so diametral entgegensteht, aber umso wichtiger wäre. Das könnte der Grund sein, warum Roebers Keynote von Zuhörern begeistert kommentiert und von einigen in seiner Sprengkraft noch nicht richtig erfasst wurde.


»Klare Ansage! Super, weiter so!«, klingt dann doch, als ob hier ein Reseller auf dem Sofa liegt und auf die Netflix-Verfilmung des Roebers-Manifests wartet: Ein Gespenst geht um in Europa.

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