T-Systems lobt Indent-App Verimi

Kafkaeske Digitalisierung

29. Juni 2022, 10:32 Uhr | Martin Fryba | Kommentar(e)
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Für T-Systems-Chef Adel Al-Saleh ist Verimi ein „Quantensprung“, dabei ist die Ausweis-App unausgereift und eigentlich nutzlos. Davon dürfen sich bald 8,7 Millionen Versicherte der Barmer überzeugen. Über ein große Missverständnis, wofür Digitalisierung eigentlich gemacht wird.

Es könnte so schön und einfach sein, wenn man eine App zückt und sich mit hinterlegten Dokumenten wie Personalausweis, Führerschein, Gesundheitskarte, Impfzertifikat oder mit sonstigen amtlichen IDs ausweisen und Plastikkarten zuhause lassen kann. Doch für so etwas hat man Smartphones und Apps nicht erfunden. Aber der Reihe nach.

T-Systems hat sich mit weiteren 20 deutschen Firmen an Verimi beteiligt. Die gleichnamige App für digitale Identifikation soll hochsicher sein und ist vom BSI zertifiziert. Verimi ist also, so die Theorie, eine Art digitales Bürgeramt, das hoheitlich ausgestellte Ausweise vom Staat oder sonstigen Organisationen bündelt. Eine App ersetzt alle möglichen ID-Karten, so sollte Digitalisierung eigentlich sein, könnte man meinen. Leider falsch vermutet.

Es gibt nämlich zwei Welten: eine digitale und eine nach wie vor analoge Welt, letztere besser bekannt als blauer Planet Erde. Auf der Erde gibt es seit Erfindung des Staats Behörden, es gibt Behördengänge, behördliche Vorschriften und Rahmenvollzugsbeschreibungen, damit das Individuum, genannt Mensch, von vielen Menschen, Amtsträger genannt, verwaltet werden kann. Das funktionierte bislang analog und es gibt keinen Grund zur Annahme, dass dies anders geschehen könnte. T-Systems und andere IT-Firmen wollen den Bürgern anderes suggerieren oder sie sind schlicht nicht in der Lage, die digitale Wunschgesellschaft von der praktischen Lebenswirklichkeit der Bürger zu unterscheiden.

Verlorener Digitaler Zwilling in der analogen Welt
Verimi-Nutzer Patrick Schmidt beispielsweise dachte, er könnte seinen Personalausweis digital hinterlegen und ihn bei Bedarf präsentieren. Das kann er auch in der digitalen Welt. In der analogen Welt aber nützt ihm das nichts. Der App-Betreiber klärt wie folgt auf: „Hallo Patrick Schmidt, die Ansicht des Personaldokuments ist nur nachempfunden, der Ident dient rechtsverbindlich  nur für die digitale Identifizierung. Das physische Ausweisdokument wird also nicht mit ‚Show-your-Screen` rechtsverbindlich ersetzt“.

Nur nachempfunden? Exakt und zwar als digitaler Zwilling des Originaldokuments, der auch nur in der digitalen Welt akzeptiert wird. Ein Polizist wird Patrick Schmidt etwas husten, wenn dieser bei einer Straßenkontrolle den digitalen Zwilling des echten Führerscheis und Personalausweises zückt.

Show-your-Screen? Denkste!
Genau das wird bald auch Millionen Versicherten der Barmer-Krankenkasse passieren, wenn sie sich in Arztpraxen mit der auf Verimi hinterlegten elektronischen Gesundheitskarte auszuweisen versuchen. Diese Krankenkasse hat gerade mit T-System einen Vertrag geschlossen. Der IT-Dienstleister soll ihre 8,7 Millionen Kunden mit digitalen Identitäten ausstatten und diese verwalten. „Einfacher Zugang zu unseren Online-Services auf höchstem Sicherheitsniveau“, jubelt Roland Bruns, IT-Leiter bei der Barmer. Bruns wird seine Plastikkarte in der Arztpraxis dennoch vorzeigen müssen, denn mit einem einfachen ‚Show-your-Screen` wird die Patientenverwaltungssoftware nichts anfangen können.

Appsurd
Über die Zweiteilung der Welt in eine digitale und eine „echte“ Person schütteln Bürger wie Patrick Schmidt nur den Kopf. „Sinnlos“, „Nutzen nicht zu erschließen“, „kafkaesk“, „Schrott“, so die Kommentare in den App-Stores. Derweil sitzt T-Systems CEO Adel Al-Saleh in seinem Elfenbeinturm und spricht von „Quantensprung“ mit Verimi und einer „Signalwirkung für die öffentliche Hand“, digitalen Identitäten gemeinsam zum Durchbruch zu verhelfen. Wann hören Digitalisierungsexperten das S.O.S. von Bürgern, die sich partout nicht in Zwillingspersönlichkeiten spalten lassen wollen?

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