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Remote-Software-Anbieter Anydesk

Schwäbische Krisenbewältiger

08. September 2020, 13:13 Uhr   |  Martin Fryba | Kommentar(e)

Schwäbische Krisenbewältiger
© Anydesk/DENIZ SAYLAN

Anydesk Gründer Olaf Liebe, Philipp Weiser und Andreas Mähler (v.l.n.r.): Bereits 250 Millionen Software-Downloads weltweit

250 Millionen Clients in 42.000 Unternehmen: Remote-Spezialist Anydesk aus Stuttgart ist ein Corona-Gewinner. Das Start-up hat nun mindestens so große Ambitionen wie Teamviewer. Nur das dort gezahlte CEO-Rekordgehalt dürfte kein Maßstab sein.

Über acht Milliarden Euro ist Teamviewer an der Börse wert, die Corona-Krise hat den bekannten deutschen Marktführer für Remote-Software nicht nur bekannter, sondern auch reicher gemacht. Überhaupt haben Anbieter von Fernwartungssoftware seit dem Lockdown im Frühjahr stark an Relevanz zugelegt, und sie werden weiter sehr gute Geschäfte machen, wenn viele Unternehmen auch nach der Pandemie ihre Angestellten dauerhaft im Homeoffice belassen oder es ihnen überhaupt freistellen, von wo aus sie wann arbeiten möchten.


Sicherer Zugriff auf Clients ist eine Grundvoraussetzung für flexibles Arbeiten. Die Nachfrage nach Remote-Software bleibt hoch. So hoch, dass bei Anydesk in Stuttgart und der Niederlassung in Berlin die Korken knallen. Im August registrierten die Schwaben den 250-Millionsten Download ihrer Software.


Partnerprogramm für Channel
42.000 Unternehmen in 187 Ländern nutzen bereits die Software »Made in Germany«. Jeden Monat kommen knapp neun Millionen neue Anydesk-Nutzer hinzu. Seit März 2020 waren es im Durchschnitt sogar monatlich rund zwölf Millionen neue Anwender. »Wir sehen uns als Krisenbewältiger und freuen uns, dass Menschen durch unser Werkzeug in der Lage sind, ihren neuen Arbeitsalltag aufrecht zu erhalten«, sagt Philipp Weiser, Gründer und Geschäftsführer von Anydesk.


Auch seine Kollegen Olaf Liebe (CIO) und Andreas Mähler (CSO) hatten wie Weiser einen guten Riecher, zwei Jahre vor der Gründung von Anydesk im Jahr 2014 bei Teamviewer quittiert zu haben und einen Wettbewerber aus- und aufzubauen.  Auch ein Partnerprogramm haben die Schwaben mittlerweile. Distributoren, IT-Dienstleister und MSPs sind willkommen.


Nun wollen die jungen Vorstände auf Expansion drängen, es zieht sie in die USA. »Mit dem neuen Büro in Tampa Bay, Florida wird das deutsche Tech-Unternehmen sein starkes internationales Wachstum und die Expansion im US-amerikanischen Markt weiter vorantreiben«, heißt es aus Stuttgart.


Schmerzensgeld hier – Rekordgehalt da
Jahrelang hatten sich Weiser, Liebe und Mähler 1.000 Euro Gehalt auszahlen lassen, quasi ein Schmerzensgeld dafür, dass sie rund um die Uhr daran tüftelten, wie man bei Bandbreiten von nur 100 Kbit/s trotzdem mittels ihrer Fernwartungssoftware Clients kontrollieren kann. Das Gehalt dürfte jetzt, sechs Jahre später, freilich den steigenden Nutzerzahlen angepasst sein.


Investoren sind auf Anydesk übrigens bereits aufmerksam geworden. Im Januar soll der US-Finanzierer Insight Partners vermutlich mit elf Millionen Euro eingestiegen sein. Geld gegen Mitbestimmung oder gar Dominanz hätten die Stuttgarter laut eigener Aussage nicht unbedingt nötig, sie würden von Anfang an profitabel arbeiten, heißt es.


Kein Wunder bei diesen schwäbisch-bescheidenen Anfangsjahren. Aber dabei muss es ja nicht bleiben, wenn die Geschäftsführer nach Göppingen zum großen Wettbewerber blicken. Teamviewer-Chef Oliver Steil verdiente 2019 beim Börsengang des Softwareherstellers die Rekordsumme von 41,3 Millionen Euro und stellte damit sogar sämtliche Dax-Vorstände in den Schatten.

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