IT-Systemhaus der Zukunft

So viel Chancen und so viele Mängel

28. März 2022, 11:49 Uhr | Martin Fryba | Kommentar(e)
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Remote auf dem Land arbeiten, verdienen wie in einer Metropole: Lokale kleinere Systemhäuser können bei solche Gehaltsstrategien nicht mitziehen
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Günstig in Sachsen leben und gut verdienen wie ein Stuttgarter Schwabe: Remote Work hat den Arbeitsmarkt verändert. Kleinere Systemhäuser geraten unter Druck. Ihre Prozesse und Tools müssen sie überdenken und aufpassen, dass ihr verhaltensauffälliger Chef die Firma nicht ins Abseits schießt.

Nennen wir ihn Jan Müller, 30 Jahre alt, IT-Techniker mit Wohnsitz im sächsischen Riesa, knapp 29.000 Einwohner, DSL-Anschluss mit 250 Mbit/s ist vorhanden, was für seine Homeoffice-Tätigkeit völlig ausreicht. Die Miete ist niedrig, die allgemeinen Lebenshaltungskosten ebenfalls. Im aktuellen IT-Service-Preisspiegel von Synaxon entnimmt Müller, dass Unternehmenskunden für einen Techniker-Tagessatz im Postleitzahlengebiet 01-09 im Durchschnitt knapp 630 Euro zahlen. In Stuttgart kostet der Tagessatz für die gleiche Tätigkeit rund das Doppelte, im Österreich knapp 1.000 Euro. Müller geht die Jobbörsen für IT-Techniker durch, wo er auf Systemhäuser trifft, die Fernwartungs-Experten wie ihn händeringend suchen. Er stößt auf bundesweite Angebote vieler Systemhäuser, die Remote-Work teils bis zu 100 Prozent anbieten.

Müller kann es sich aussuchen: Einen Job bei einem Systemhaus in der Region Stuttgart annehmen, das aufgrund hoher Tagessätze für Kunden vor Ort entsprechend höhere Gehälter an seine Mitarbeiter zahlen kann und dazu auch bereit ist. Müller müsste nicht umziehen und dementsprechend nicht mit höheren Lebenshaltungskosten am Ort seines neuen Arbeitgebers rechnen, denn Homeoffice aus Riesa ist möglich. Remote arbeiten war schon vor der Corona-Pandemie üblich, aber lange nicht so verbreitet wie heute.  Dank „New Work“-Konzepte und der enorm breiten Spreizung von Gehältern nach Regionen will Müller den für ihn besten monetären Vorteil ausnutzen.

Enorme Gehaltsspanne
Auf letztere Idee ist er bei der Durchsicht der Jobbörse des Systemhausverbunds Kiwiko gekommen. In vielen Stellenbeschreibungen steht, dass Homeoffice möglich ist. Ferner liest Müller:  „Die Gehälter für Jobs in der Informationstechnik sind so vielfältig wie die jeweiligen Aufgabenbereiche und Berufsbilder. Dazu kommen regionale Unterschiede von mehreren zehntausend Euro pro Jahr“. 65.000 Euro brutto verdienen im Schnitt IT-Experten, mit Security-Kompetenz sind es 10.000 Euro mehr, IT-Berater verdienen knapp 80.000 Euro, Führungskräfte mit Personalverantwortung wie etwa IT-Leiter, können mit einem Bruttojahresgehalt von circa 137.000 Euro rechnen, bezieht sich Kiwiko auf die Gehaltstudie 2021 von Compansation Partner.

Auch wenn die derzeit hohe Inflation noch nicht eingepreist ist, können IT-Experten damit rechnen, dass ihre IT-Dienstleister für Kaufkraftstabilität bei den Löhnen werden sorgen können und müssen. Rund 100.000 IT-Jobs in Deutschland sind unbesetzt, ein Ende dieser seit Jahren andauernden Misere aus der Perspektive von Arbeitgebern ist nicht in Sicht.  Die IT-Branche sei „trotz der Covid-Pandemie in der Lage Gehaltserhöhungen zu finanzieren“.

IT-Arbeitsmarkt „komplett verändert“
IT-Unternehmer freilich haben eine ganz andere Sicht auf diese Entwicklung. Remote Work ist für bundesweite, finanzstarke Häuser bei der Mitarbeiterrekrutierung ein Segen, während kleinere Dienstleister zunehmend fürchten müssen, dass ihre Mitarbeiter  dank Homeoffice zu größeren Wettbewerbern abwandern könnten. Ingo Lücker, Chef des Systemhausverbunds IT League beobachtet bereits solche Abwanderungsbewegungen. „Da findet eine komplette Veränderung auf dem Arbeitsmarkt statt“. Corona habe die Lage „noch verschärft“. Gemeinsam mit seinen 36 Mitgliedsunternehmen bereitet Lücker die Themen vor, die IT-Unternehmer bei Treffen von IT League diskutieren wollen. Rekrutierung brennt allen unter den Nägeln, so dass beim dreitägigen  Summit Anfang April in Hamburg diese Herausforderung das Top-Thema sein werde, kündigt der Chef der noch jungen Kooperation an, die in diesem Jahr ihr Fünfjähriges feiert.

Könige: IT-Security
Jetzt rächen sich mehrere Faktoren, die zusammenkommen die Lage auf dem ohnehin seit Jahren angespannten Arbeitsmarkt für IT-Professionals weiter verschärfen: Versäumnisse in der Ausbildung und Portfolioentwicklung (für Techniker wenig spannende, sie technologisch nicht herausfordernde Einsatzfelder), durch die Pandemie  noch mehr getriebene Digitalisierung und Cloudifizierung und nicht zuletzt rasante Nachfrage nach IT-Security. Mehr IT-Experten denn je werden 2022 und darüber hinaus nachgefragt, Rekruiting hat sich von einem Arbeitgeber- zu einem Arbeitnehmermarkt  gewandelt und das nicht erst seit heute. In Teilbereichen finden Systemhäuser kaum noch qualifizierte Kräfte. Spezialisten  für IT-Security werden die König sein“, beobachtet Alexander Eggers, Geschäftsführer des 35 Mitarbeiter starken Systemhauses EPC aus Nienburg bei Hannover.

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