Wenn Computer keine Computer mehr sind

Traum von einem europäischen Betriebssystem

10. Mai 2022, 9:22 Uhr | Martin Fryba | Kommentar(e)
Incari
Mit seinem 2011 gegründeten Software-Start-up Incari will der in Sierra Leone geborene und mit fünf Jahren nach Deutschland gekommene Osman Dumbuya Europas digitale Zukunft beim nächsten Innovationssprung gestalten.
© Incari

Alternative zu Windows, iOS, Android? Fehlanzeige! Ist sogar die Demokratie gefährdet, weil Europa in eine technologische Abhängigkeit der USA und China geraten ist? Ja, meint Osman Dumbuya, Chef des Berliner Softwareunternehmens Incari. Seine Antwort ist so kühn wie nahezu unglaublich.

Twitter in der Hand des reichsten Mannes der Welt. Cloud Computing überragend dominiert von den drei US-amerikanischen Hyperscalern Amazon, Microsoft und Google. Netzwerkkomponenten und IoT-Firmware kontrolliert von chinesischen Konzernen. Riesige Datenberge, die bald mit AI noch ungeahnte Schätze hervorbringen. Und was hat Europa? Einen dem Kontinent aufgedrängten hybriden Krieg im Feld und im Internet, aus dem sich schnell zu befreien die erdrückende Abhängigkeit von fossilen Energieträgern in der Hand eines Aggressors im Wege steht. Will Europa eine Zukunft haben, müsse es technologisch souverän werden, sagt Osman Dumbuya, Chef des Berliner Softwareunternehmens Incari.

Ein Träumer, der das Rad der Digitalisierung um ein paar Dekaden zurückdrehen will, damit Europas Politiker und Manager europäischer Hightech-Unternehmen das nachholen können, was sie verpasst haben: Nämlich das digitale Zeitalter mit eigenen Plattformen und Betriebssystemen aus europäischer Provenienz souverän von Abhängigkeiten außereuropäischer Industrien und außereuropäischer Staatlichkeit zu gestalten. Es gehe schließlich nicht nur um Wettbewerbsfähigkeit, meint Dumbuya. „Hieraus resultieren demokratierelevante Probleme - sowohl im Hinblick auf die durch Algorithmen bestimmte Sichtbarkeit als auch hinsichtlich der identitätsstiftenden Funktion von Gemeinschaft“.

Wem gehört die digitale Welt? Fragt er. Einfache Antwort in einem kapitalistischen Wirtschaftssystem, das schon immer schneller war als Politiker und staatliche Behörden, die die schlimmsten Auswüchse der Digitalisierung mit nachgeschobener Regulierung stoppen zu müssen meinen: Die digitale Welt gehört jenen, die sie mit ihrer Macht gestalten können.

Restart für die Zeit des Überall-Computers
Europas Konzerne und Tausende junger Hightech-Unternehmen sind es nicht. Noch nicht, sagt der 44-jährige Osman Dumbuya. Man könnte ihn einen Volkstribun der europäischen IT-Branche nennen, wenn er sagt: „Mit einem europäischen Betriebssystem verschieben wir die technologische Souveränität von der Unternehmens- auf die individuelle Ebene“.

Was meint er damit? „Wir beenden die einseitige Abhängigkeit von den derzeitigen Angeboten und deren technischen Verknüpfungen. Wir setzen auf einen Restart, der das volle Potenzial, welches in einem Betriebssystem verborgen ist, zur Entfaltung bringt“.

Also ein europäisches Betriebssystem, das einen Schutzraum für Datensicherheit, Datenauthentizität und die Eigentumsrechte der User schaffe und sich so der scheinbar übermächtig erscheinenden Logik des Marktes widersetze. So sieht die Mission aus, die sich der Berliner Software-Unternehmer auf die Fahne geschrieben hat. „Wir treten für die Mündigkeit der Bürgerinnen und Bürger am Standort Europa ein und geben ihnen nicht weniger als die Möglichkeit, endlich Verantwortung für ihre Daten zu übernehmen“, plädiert er für ein technologisch souveränes Europa. Darunter macht es der selbstbewusste Dumbuya nicht.

Mit seinem 2011 gegründeten Software-Start-up Incari will der in  Sierra Leone geborene und mit fünf Jahren nach Deutschland gekommene Unternehmer die digitale Zukunft mitgestalten und beim nächsten Innovationssprung dabei sein mit seiner Vision eines europäischen Betriebssystems. Dieses wird aber nicht auf Clients laufen, wie wir sie heute kennen. Sogar die Bild Zeitung bereitet ihre Leser auf das vor, was ihnen noch bevorsteht und zitiert Hightech-Experte Dumbuya: „Der Zugang zu digitaler Infrastruktur wird sich verändern, sogar die Notwendigkeit, sein Handy immer dabei zu haben, wird verschwinden. Wir werden an und in Wänden, Schaufenstern, Bushaltestellen, einfach überall Zugang zu unseren Accounts haben. Auch durch Sprache. Früher waren Wohnzimmer auf den Fernseher ausgerichtet. Künftig werden digitale Geräte unsichtbar integriert sein. Auf dem Tisch, an der Tür, in den Wänden, in einem Holzbrett. Man wird nicht mehr wahrnehmen, dass es ein Computer ist“.

Anbieterkompass Anbieter zum Thema

zum Anbieterkompass

Verwandte Artikel

Microsoft , AWS, Google

Management&Recht

Datenschutz

Anbieterkompass