Dezentrale Beteiligungsstrategie

Verkauf ohne Abschied

6. Mai 2022, 12:37 Uhr | Stefan Adelmann | Kommentar(e)

Fortsetzung des Artikels von Teil 1

Zentrale Ressourcen

Jens Buchloh, Gründer und Geschäftsführer von Ergovia
Jens Buchloh, Gründer und Geschäftsführer von Ergovia
© Ergovia

Das Gegenteil war der Fall. Heute blicken beide Geschäftsführer im Gespräch mit ICT CHANNEL zufrieden auf den eingeschlagenen Weg zurück. Ergovia gehört seit 2018 zu TSS, Easysoft erst seit 2020 – aber in beiden Fällen bringe die Zusammenarbeit bereits zahlreiche Vorteile mit sich, wie Nau und Buchloh berichten. Unter anderem bei gemeinsam genutzten Ressourcen beispielsweise in den Bereichen Finance und Legal: Spezialisierte Abteilungen mit Know-how, auf das ein 90 Mitarbeiter starkes Unternehmen wie Easysoft eigentlich nur selten zurückgreifen kann. Hinzu kommt die strategische Beratung von TSS, die für beide Unternehmen wichtige Impulse lieferte. „Der Kern der Strategie: Konzentriere dich auf das, was du gut kannst und schneide alles weitere ab“, sagt Nau. 

Zahlenfokus

Trotz der positiven Erfahrungen: Ohne etwas Reibung, ohne einen Wandel ist ein weitreichender Schritt wie eine Übernahme kaum denkbar. Im Falle von Easysoft und Ergovia sind es klare KPIs, eine stärkere Fokussierung auf Zahlen und die regelmäßigen Reports an den Investor, die Einzug hielten – ganz dem Leitgedanken Fördern und Fordern folgend. „Ja, es ist anders als vorher“, bestätigt Buchloh. „Aber es ist nicht schlechter.“ Sicher, es gebe eine stärkere Fokussierung auf Zahlen. Doch TSS schaue jedes Unternehmen genau an, lege nicht einfach eine allgemeine Messlatte für alle 110 „Business Units“, sondern definiere ganz individuelle Ziele mit Blick auf den jeweiligen Markt. „Das hätte ich so tatsächlich nicht erwartet“, bekräftigt der Ergovia-Chef. Eine Strategie, die nicht auf bedingungsloses Wachstum abzielt, sondern darauf, die Potenziale der Einzelunternehmen zu entwickeln und bei Schritten zu unterstützen, die im Alleingang nicht möglich gewesen wären. Immerhin bewege man sich in einem VUCA-Umfeld, betont Buchloh, das sich durch einen immer schnelleren agilen Wandel und stets neue technische Anforderungen auszeichnet. Beispielsweise führe kein Weg daran vorbei, jede Anwendung heutzutage auch für mobile Endgeräte zu rüsten, sie „touchable“ zu machen. Wer hier nicht mitzieht oder mitziehen kann, ist schnell nicht mehr konkurrenzfähig. 
Ergovia und Easysoft konnten diesen Herausforderungen mit dem Know-how und den Ressourcen von TSS hingegen begegnen, sich aber auch mit den anderen Anbietern unter dem Dach des Investors vernetzen. Der deutsche Cluster von TSS ist zuletzt auf sieben Unternehmen angewachsen. Deren Geschäftsführer treffen sich regelmäßig, tauschen sich aus und wollen künftig auch übergreifende Projekte ins Auge fassen. Aktuell gehe es vor allem noch um die gegenseitige Unterstützung, um übergreifende Strukturen, so Nau, darum, das „Rad nicht immer neu erfinden“ zu müssen. Aber auch die Frage nach gemeinsamen Kunden steht bereits im Raum und nach künftigen Kooperationen. Hier gebe es Schnittmengen, die man weiter und weiter entwickeln werde.

Am Ende nicht ärgern

Ein Erfolgskonzept für jeden IT-Gründer, der über einen Verkauf nachdenkt? Nein. Wer sein Unternehmen einfach nur abstoßen will, für den gebe es sicherlich bessere Optionen, entgegnet Buchloh. Immerhin habe das Angebot von TSS in Hinblick auf die rein finanziellen Aspekte sicherlich noch Luft nach oben. „Wer jedoch als Geschäftsführer mit an Bord bleiben und weiter mitgestalten möchte, wenn das Unternehmen weiter wachsen soll, dann würde ich immer dazu raten.“ Auch Nau betont, dass es immer eine individuelle Entscheidung sei, die gut durchdacht werden will. Er bereue sie aber nicht. Immerhin schafft die Zusammenarbeit auf Basis feststehender KPIs eine neue Transparenz und Klarheit und mit zentral gesteuerten Aufgaben fällt auch Verantwortung von den eigenen Schultern. „Ich persönlich fühle mich heute leichter, vieles ist einfacher – und wir sind gleichzeitig erfolgreicher.“ Einen kritischen Punkt im Zuge des Verkaufs gibt es aber doch, wie Nau zu bedenken gibt: „Man muss die Entscheidung ganz bewusst treffen und darf sich am Ende nicht ärgern, wenn das eigene Unternehmen einige Zeit nach dem Verkauf gegebenenfalls das Zigfache wert ist.“


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