„Prohibitive Schnittstellenstrategie“

Weckruf in Richtung SAP

13. Oktober 2021, 8:23 Uhr | Heinz-Paul Bonn / Martin Fryba | Kommentar(e)
Bonn Consulting
Heinz-Paul Bonn, 76, Gründer des ERP-Herstellers GUS und Mitbegründer des Bitkom ist heute im Unruhezustand, weil er immer noch ein scharfsinniger Beobachter und Kommentator der IT-Branche im Allgemeinen und SAP im Speziellen ist.
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Offene Sytemlandschaften statt Vendor-Lock: In hybriden Clouds wollen SAP-Kunden Salesforce, Microsoft 365 oder andere Applikationen einbinden. Doch SAP macht es ihnen schwer. Es wiederholt sich ein Fehler, der schon einmal SAP-Partner in die „Selbstentleibung“ geführt hatte, warnt Heinz-Paul Bonn.

Für die Mehrzahl der Anwenderunternehmen ist die Cloud inzwischen zum Maß aller Dinge geworden. Ihre CIOs fragen nicht mehr, „ob“ sie die eigene Informationstechnik in die Cloud verlagern sollen, sondern „wie“ sie die neue IT-Infrastruktur gestalten wollen. Eines zeichnet sich dabei ab: sie wollen mehrheitlich nicht einem Cloud Service Provider vertrauen, sondern die Vorzüge mehrerer Angebote in einer hybriden Cloud-Struktur aus mehreren Services nutzen. Und sie wollen nicht von einem einzigen Anbieter abhängig sein müssen.

Damit wiederholt sich nicht nur bei den globalen Konzernen, sondern auch im Mittelstand eine Grundeinstellung zur Diversität, die das Risiko der Abhängigkeiten auf mehrere Schultern verteilen will und gleichzeitig die Rosinen aus den verschiedenen Cloud-Kuchen picken möchte: hier besonders schnelle Datenbanken, da hohe Sicherheitsvorkehrungen und dort zusätzliche Services für künstliche Intelligenz oder das Internet der Dinge. Und nicht zuletzt wollen sie auch heterogene Anwendungswelten in der hybriden Cloud-Infrastruktur so miteinander verknüpfen, dass ihnen ein Wettbewerbsvorteil durch durchgängige Prozesse und Datentransparenz entsteht.

Doch genau das vermissen die Anwender inzwischen bei der SAP. Schon die Integration der eigenen Lösungen gelingt SAP nur unzureichend, lautete die Kritik zur Eröffnung der virtuellen Jahreskonferenz der Deutschen SAP Anwender-Gemeinschaft. DSAG-Vorsitzender Jens Hungershausen, selbst im Hauptberuf als CIO bei der Handwerker-Genossenschaft MEGA tätig, sieht denn auch deutlichen Handlungsbedarf. Nur wenig mehr als ein Viertel der von der DSAG befragten Anwenderunternehmen beurteilte die Integrationsmöglichkeiten der SAP-Lösungen mit gut. Aber 44 Prozent sahen die verfügbaren Schnittstellen als befriedigend. Und jeweils 14 Prozent – zusammen also ebenfalls mehr als ein Viertel, bewerteten die Integration als ausreichend oder gar mangelhaft. „Das Ergebnis sollte von SAP als weiterer, deutlicher Weckruf verstanden werden“, warnte Hungershausen.

„Mehreren Tausend Personenjahren“
Dabei erschallte der Weckruf schon vor Jahren – und die schwache Integrationsleistung hat bei SAP durchaus Tradition. Als SAP vor der Jahrtausendwende Wettbewerber zu Vertriebspartnern machte und vor allem mittelständischen deutschen Anbietern von Unternehmenslösungen das Angebot machte, neben der eigenen Lösung auch eine Vertriebsschiene für das damalige R/3 aufzubauen, da hofften Anwender wie Software-Unternehmer, durch eine bevorzugte Integration mit der SAP-Lösung werde das eigene, meist streng branchenorientiert ausgerichtete Software-Angebot aufgewertet. Doch daraus wurde nichts: zwar bot SAP an, gemeinsam mit den neuen Partnern Schnittstellen zwischen den Systemen zu entwickeln. Doch Aufwände in der Größenordnung von mehreren Tausend Personenjahren wirkten geradezu prohibitiv. Wer auf das Angebot einging, beschleunigte nur die eigene Selbstentleibung.

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