Reaktion auf Kaseya-Datto-Übernahme

„Wir haben nicht vor, das zu ändern“

22. April 2022, 9:58 Uhr | Martin Fryba | Kommentar(e)
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Salvatore »Sal« Sferlazza: Hat NinjaOne (zuvor NinjaRMM) 2014 gegründet. Es war seine sechste Gründung eines Softwareunternhemens
© NinjaRMM

Die Megafusion ihrer Plattformanbieter hat MSPs nervös gemacht. Fast trotzig reagiert Wettbewerber NinjaOne. CEO Sal Sferlazza bekräftigt seine Unabhängigkeit. Doch in einer anderen Hinsicht müssten sich der US-Unternehmer und seine MSP-Kunden Sorgen machen.

Die jüngste Akquisition im Markt für IT-Management-Plattformen ist schwergewichtig, aber keinesfalls überraschend. Endlich gelang Kaseya der jahrelang ersehnte Big Deal: Für die Rekordsumme von über sechs Milliarden US-Dollar soll Datto übernommen werden. Seit Jahren konsolidiert der Markt, Investoren wollen dabei sein und den Boom nicht verpassen. Digitalisierung, Vernetzung, Cloudifizierung, immer mehr Endgeräte (IoT) und Enterprise-Applikationen (Apps) und dann auch noch der durch Corona ausgelöste Trend zu Homeoffice und mobile Work: IT-Fernüberwachung und Managed Service-Modelle, die auf immer größere Nachfrage bei Systemhäusern treffen, sind ohne entsprechende Plattformen für RMM oder PSA nicht denkbar. Deutsche Softwarehersteller aus dem Mittelstand konkurrieren mit US-Branchenriesen, die Anbieterlandschaft ist trotz Konsolidierung nach wie vor vielfältig.

„Der MSP-Markt ist gesund und wächst schnell“, sagt NinjaOne-Chef Sal Sferlazza. Seit rund drei Jahren startet der US-Softwarehersteller in DACH durch, gewinnt hierzulande immer mehr MSPs. Da die Auswahl einer IT-Management-Plattform eine strategische Entscheidung ist, fragen sich MSPs bei jeder Übernahme ihres Herstellers: Was folgt daraus für mein Haus, für meine Techniker? Und wer wird als nächstes übernommen?

Datto-Partner und seine Klientel will Sfelazza beruhigen. „Datto hat sich während seines Wachstums einen hervorragenden Ruf erworben, und wir haben viele Partner, die heute erfolgreich Ninja/Datto-Hybrid-Stacks einsetzen“. Alles gut also?

Da kein System für alle IT-Aufgaben perfekt ist, beispielsweise bei Ticketverwaltung, sind solche Kombinationen die Regel. Offene Standards erleichtern die Interaktion verschiedener Herstellersysteme sowie ihre Integration. Kein Techniker will mit einer Vielzahl von Dashboards die Kunden-IT verwalten. Die Systeme sind daher dynamisch, werden stetig weiterentwickelt, mal mit expliziter Einbeziehung von MSPs, mal ohne dezidiertes Channelfeedback – je nach Hersteller.

Ninja/Datto-Hybrid-Stack geht in diese Richtung. Ob das bisherige Szenario so bleibt und unterstützt wird, ist keinesfalls sicher.  Noch ist viel Platz im Markt, aber eine gewisse Sättigung und Verdrängung ist zu spüren, der Wettbewerb wird härter. ICT CHANNEL trifft mittlerweile auf viele MSPs, die von Wechselerfahrungen berichten können. Mal ist es der Preis, mal nachlassende Herstellerbetreuung, die einen Austausch des Plattformherstellers gebietet.

Streitbarer Kaseya-CEO
Hinzu kommt: Wie es bei der Produktentwicklung bei Kaseya und Datto nach dem Merger weitergeht, ist derzeit noch völlig offen. Beide Firmen müssen erst die kartellrechtlichen Prüfungen abwarten, arbeiten daher weiter getrennt. Auch die Frage ist nicht geklärt, wer an der Spitze der fusionierten Hersteller stehen wird. Man kann davon ausgehen, dass Kaseya-CEO Fred Voccola das Rennen macht. Es ist amüsant anzuschauen, wie der brautwerbende CEO aus enttäuschter Absage dem jungen Glück der Konkurrenten alles erdenklich Schlechte nachsagt. Voccola kann aber auch vorbildliches Krisenmanagement, was er nach einer spektakulären Cyberattacken auf Kaseya in der Tagesschau zum Besten gab.

Andererseits ist Datto-Chef Tim Weller diese Erfahrung bisher erspart geblieben. Der Datto-CEO wiederum hat keine Scheu, intern aufzuräumen und nach zu schnellem personellem Wachstum erst einmal die Axt an die Kostenstruktur anzulegen. Zimperlich sind beide CEOs nicht, erst recht nicht, wenn es um Verteidigung und Ausbau von Marktanteilen geht. Bleiben die Plattformen offen für Systeme von Drittherstellern?

Wenn Investoren-Gelder locken
Nun könnte NinjaOne-CEO Sferlazza jubeln, weil der Megadeal zwischen Kaseya und Datto Investoren aufgeschreckt hat, die bislang noch nicht im IT-Management-Markt investiert sind und dies nun nachholen wollen. Auch NinjaOne hat sich Expansionskapital gesichert, allerdings will Sferlazza nicht zum Spielball der Geldgeber werden. „Wir sind außerdem stolz darauf, ein unabhängiges, von den Gründern geführtes Unternehmen zu sein, das sich im Channel bewährt hat, und wir haben nicht vor, das zu ändern“, sagt er jetzt.

Und er beschreibt die Richtung, von der sich seine Firma von anderen unterscheidet: „Zunächst einmal sind wir Entwickler, keine Käufer. Das Herzstück von NinjaOne ist unsere Überzeugung, dass wir unsere Kunden am besten mit einem einzigen, modernen Code-Stack bedienen können“. Dies gelinge „mit den besten und klügsten Ingenieur:innen, die hart daran arbeiten, Produkte zu entwickeln, die einfach zu benutzen, hochleistungsfähig, sicher und leistungsstark sind“. Das sind klare Worte eines Gründers, der an seinem Softwareunternehmen hängt und noch lange die Richtung vorgeben will.

„Wir haben große Pläne, das rasante Wachstum, das wir im letzten Jahr erlebt haben, zu verdoppeln“, sagt Sferlazza und zählt dafür die Voraussetzungen auf: „Unermüdlich neue Funktionen, Verbesserungen und Produkte entwickeln und unserem Engagement für erstklassiges Account Management und Support treu bleiben“. Ohne Geld, viel Geld, wird die ehrgeizige Wachstumsstrategie von NinjaOne nicht zu bewerkstelligen sein. Sferlazza ist freilich nicht der Typus Gründer, der den schnellen Exit sucht. Er weiß aber auch, dass man mit Investorengeldern bisweilen schneller vorankommt als auf Eigenmittel und Eigenständigkeit zu setzen.

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