Visionäres: Digitale Steuererklärung

Zettel‘s Albtraum

24. November 2022, 11:11 Uhr | Martin Fryba | Kommentar(e)
Christian Lindner/Podcast CL+
Mit einer App alle Steuerbelege scannen? Gibt es doch schon längst. Ist bei Finanzminister Christian Lindner aber noch nicht angekommen: „Die werden automatisch eingefügt am Ende des Jahres, wenn du die Erklärung machst und vielleicht sogar mit künstlicher Intelligenz gelesen“
© Christian Lindner/Podcast CL+

Nach „Neuland Internet“ 2013 mit Kanzlerin a.D. Merkel, nun die nächste Lachnummer. Bundesfinanzminister Christian Lindner will die digitale Steuererklärung – „irgendwann“. Wenn eine Vision von der Realität längst überholt ist.

Vermutlich hat der bundesdeutsche Finanzminister noch nie das Elster-Portal besucht, sich auch kein persönliches Zertifikat erstellen lassen, ohne das er seine Steuererklärung dort nicht erstellen kann. Warum auch, wenn es Steuerberater gibt, die einem die lästige jährliche Offenlegung seiner Finanzen abnehmen. Lindner muss nur die Schachtel mit den gesammelten Belegen der Kanzlei überstellen, dann geht alles seinen geordneten Datev-Weg an das Finanzamt. Millionen von Bundesbürgern sammeln und füllen Formulare in Eigenregie aus, Millionen geben erst gar keine Einkommenssteuererklärung ab. Lindner, Steuerklasse I,  müsste sich nicht erklären, aber als oberster Dienstherr des Fiskus sollte er qua Amt doch wissen, dass sich eine Steuererklärung samt Zettelwirtschaft doch längst schon digitalisieren lässt.

Lindners Traum, er sagt „Vision“, ist seit vielen Jahren schon erfüllt: Nämlich „irgendwann die weitgehend digitalisierte Steuererklärung“, hörte man kürzlich in seinem Podcast „CL+“. Elster, das von den Länderfinanzämtern betriebene Formulare-Portal, ist eher ein Albtraum. Darüber freuen sich viele kommerzielle Anbieter von Steuersoftware, die Lindner Traum vor Jahren schon marktfähig gemacht haben. Erst mit Steuer-CDs, nun auch Cloud-basiert. Und zwar mit Schnittstelle zu einer App für das Scannen von Rechnungen und sonstigen Belegen, wie es etwa Buhl Data (Wiso) oder Lexware (Smartsteuer) anbieten. Steuerdaten und Bescheinigungen wie vom Arbeitgeber oder Riesterrenten-Anbieter werden automatisch abgerufen. Künstliche Intelligenz, die sich Lindner wünscht („irgendwann“) arbeitet längst im Hintergrund, erkennt Belegarten, ordnet sie zu, gibt Tipps und identifiziert falsche oder widersprüchliche Angaben.

2013 wurde Bundeskanzlerin  a.D. Angela Merkel  für ihr „Neuland Internet“ ausgelacht. Nun ist Lindner entlarvt. Der dpa war die Linder-Vision von einer digitalen Steuererklärung in seinem Podcast eine Meldung wert. Dass der Finanzminister sie auf „irgendwann “ verortet, hat das Potential, eine weitere Lachnummer zu werden, würde sie nicht auf einen grundlegenden Missstand staatlich orchestrierter  Digitalisierungsprojekte hinweisen: Innovationsträgheit sowie keine Koordination und keinen Wissenstransfer. Ein Digitalministerium gibt es nicht.

So werden noch viele weitere Milliarden versenkt in staatliche Großprojekte wie der elektronischen Patientenakte. Dabei ist doch schon alles erfunden, alle Fehler schon gemacht. Aber eben noch nicht von jedem.

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