Wenn IT-Pioniere loslassen – Teil 1

Zukunft braucht Herkunft

25. Februar 2022, 14:20 Uhr | Martin Fryba | Kommentar(e)
AdobeStock/Cirquedesprit
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Eine Blaupause für eine gute Nachfolgeregelung gibt es nicht. Nicht immer glückt auf Anhieb der Übergang vom inhabergeführten Familienunternehmen zur nächsten Generation oder der Schritt zu einer managergeleiteten Firma. ICT CHANNEL-Serie "Unternehmensnachfolge" schaut hinter die Kulissen.

Wer das Lebenswerk erfolgreicher IT-Pioniere in der Zukunft fortschreiben will, braucht nicht nur viel Erfahrung, sondern baut idealerweise auf den Wurzeln auf. Der oder die neue CEO oder Geschäftsführer/in stammt aus der Gründerfamilie, wie bei VAD Tim, steht schon einige Jahre in Führungsverantwortung, kennt also das Geschäft und ist mit Partnern des Unternehmens bereits bestens vernetzt.

Im doppelten Sinne folgt eine solche Nachfolgeregelung der Überlegung eines Gründers, dass Zukunft Herkunft braucht. Ist kein Nachfolger, keine Nachfolgerin aus der Familien in Sicht oder geeignet, kommen langjährige Spitzenkräfte ganz nach oben wie bei Michael Telecom. Oder man holt sie vom Wettbewerb, setzt auf Bumerang-Manager, die wieder zurück in die Firma kommen wie bei Bytec.

Bei Ebertlang indes machten die scheidenden Gründer Philip Weber zum Chef. Eine Idealbesetzung, denn Weber war schließlich 14 Jahre bei Hersteller Mailstore und zwei Jahre bei Carbonite. Mit beiden Vendoren hat der VAD aus Wetzlar seit vielen Jahren schon enge Beziehungen. Es gab stehende Ovationen von den Ebertlang-Mitarbeitern, als ihnen der neue Chef bekannt gemacht wurde. Zukunft braucht Herkunft: Weber muss man den Channel nicht erklären, die Firmenkultur seines seit einem Jahr neuen Arbeitsgebers kannte er vor seinem Einstieg schon bestens.

Blitz-Ende mit Schrecken bei Bechtle
Das kann man vom kürzesten Systemhaus-Chef aller Zeiten nicht sagen, ja gerade das fast unglaubliche Maß an Nichtverständnis, wie Bechtle eigentlich tickt, wurde Karl-Heinz Gosmann als Nachfolger von Bechtle-Gründer Gerhard Schick in jenen turbulenten Tagen Ende März 2004 zum Verhängnis. Das ist bereits lange her, lehrt aber, dass ein sehr schnelles Ende mit Schrecken (drei Wochen) besser ist, als ein CEO-Schrecken ohne Ende.

Grundübel aus Sicht des damals scheidenden Bechtle-Chefs: Der Nachfolger hatte zwar Branchenerfahrung, aber keine Firmenhistorie, die der Bechtle bis heute so wichtigen DNA Rechnung hätte tragen sollen. Man sah sich einige Jahre später sogar vor Gericht wieder. ICT CHANNEL wird den Nachfolgefall Bechtle in den kommenden Wochen noch im Detail vorstellen.

Erfahren oder extern und branchenfremd?
Die meisten Unternehmensnachfolger im ITK-Channel geben lieber erfahrenen und ihnen gut bekannten Führungskräften den Staffelstab in die Hand, statt auf externe Manager zu setzen, die womöglich sogar keine Branchenerfahrung mitbringen. Der Düsseldorfer Investor Droege muss indes sehr sicher gewesen sein, mit Gustavo Möller-Hergt den richtigen externen CEO für den Broadliner Also (damals noch Actebis) gefunden zu haben. Der ehemalige Chef der Warsteiner-Brauerei brachte zwar kein Netzwerk in der IT-Branche mit, dafür hatte der Harvard-Absolvent aber neue Managementmethoden installiert und den Distributionsriesen so umgebaut, dass heute selbst im Broadline-Wettbewerb sozialisierte Top-Führungskräfte dem schillernden Möller-Hergt Respekt zollen.

Das war zu Anfang seiner Karriere im Channel vor über zehn Jahren noch völlig anders. "Können Sie alles im Lehrbuch für Manager nachlesen", sagte damals der 2018 verstorbene Ingram Micro-Chef Gerhard Schulz, wenn man ihn auf den Neueinsteiger Möller-Hergt vom Wettbewerber Also ansprach. Geschadet haben die neuen Managementmethoden dem Broadliner nicht, wie sich in den Jahren danach feststellen sollte.

Überraschend, turbulent, bisweilen schicksalhaft tragisch
Eine Blaupause für eine geglückte Nachfolge gibt es nicht. Zu unterschiedlich sind die jeweiligen Konstellationen, die ICT CHANNEL in dieser und den kommenden Ausgaben anhand von Firmen zeigt, deren Gründer zugunsten einer neuen Generation losgelassen haben. Lange geplant, gut vorbereitet und daher unspektakulär, mal überraschend und turbulent, mal gerdezu schicksalhaft tragisch, ein anderes Mal dramatisch: Die Pioniere der ITK-Branche sorgen auch noch nach Jahrzehnten bisweilen für Aufsehen in der Presse – mehr als ihnen manchmal lieb ist.

Zum Start der ICT CHANNEL-Serie „Unternehmensnachfolge“ blicken wir diese Woche auf zwei Distributoren, die eine geradezu gegensätzliche Nachfolgeregelung getroffen haben: der VAD Tim und der TK-Grossist Michael Telecom.


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