Internationale Funkausstellung in Berlin

Beschädigung einer Messe und Marke

6. Mai 2022, 10:42 Uhr | Martin Fryba | Kommentar(e)
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Albert Einstein eröffnete 1930 die sechs Jahre zuvor gegründete IfA. 1967 gab Bundeskanzler Willy Brandt auf der IfA den Startschuss für das Farbfernsehen.
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Der Machtkampf um die IfA ist skandalös und beschämend. Die Messe Berlin sieht sich regelrecht erpresst von der IfA-Trägergesellschaft Gfu. Gibt es noch eine Zukunft für die IfA, vor allem für eine IfA 2024 und danach in Berlin? Kaum vorstellbar bei den verhärteten Fronten.

Ausgerechnet im 100. Jahr der IfA könnte die Messe 2024 nicht mehr in Berlin, sondern womöglich in Barcelona, Amsterdam oder London stattfinden. Der Vertrag zwischen dem IfA-Veranstalter Gfu Consumer & Home Electronics GmbH und der Messe Berlin läuft nach der IfA 2023 aus. Bei der Gfu haben Manager vor allem von Sony, aber auch von Samsung, Panasonic, Philips und weiteren zehn Herstellern das Sagen. Es formiert sich ein neues Gfu-Industriekonsortium, dem der britische Veranstaltungsriese Clarion Events (gehört mehrheitlich dem Private-Equity-Giganten Blackstone aus den USA) und die Berliner Beteiligungsgesellschaft Aquila des ehemaligen IHK-Präsidenten Werner Gegenbauer angehören. Die Akteure dieses Joint Ventures wollen die Richtung der weltgrößten CE-Messe bestimmen, die Messe Berlin soll sich bitte mit der Rolle eines Hallenwarts begnügen und auch so entlohnt werden.

Die neue Grundkonstellation:  Das Land und die Stadt Berlin sollen alle Risiken einer auch mit Steuergeldern unterstützten Körperschaft tragen und die Infrastruktur stellen sowie finanzieren, während alle unternehmerischen Chancen beim Gfu-Konsortium liegen und vor allem die Erträge aus der IfA zu den Gesellschaftern fließen. Messehallen gibt es schließlich überall, die Markenrechte nur einmal, nämlich in der Hand der 1973 gründeten Gfu. „Förderung der Unterhaltungselektronik in Deutschland“, wie es in der Gründungsurkunde steht. Doch das war einmal.

Jetzt geht es um globale Reichweite, um eine neue IfA, die als 365-Tage-Verkaufs- und Order-Messe im Internet permanent bespielt werden soll und Konsumenten rund um die Uhr beschallt. So stellt sich das Gfu-Aufsichtsratschef Volker Klodwig vor. Der ist Europa-Vertriebschef beim Hausgerätehersteller Bosch-Siemens (BSH), und wie das nun mal mit vielen Sales-Managern bei Konzernen so ist: Die eigene Tasche ist der Industrie näher als jene der öffentlichen Hand, die mit Messen schon immer die Funktion ausübt, die regionale Wirtschaft zu stärken und eine Messestadt attraktiv zu halten.

Funktion und Tradition einer Messe für eine Stadt interessiert das Kapital aber nicht. Emotionen, wie sie jeder private und Business-Besucher einer IfA unter dem Berliner Funkturm erlebt, schon gleich gar nicht. Man könne  ja eine 365-Tage offene Internet-IfA als „Branchenhöhepunkt“ einmal im Jahr physisch stattfinden lassen, meint der BSH-Vertriebler zur Zukunft der IfA. Vor der Pandemie schien die IfA-Welt noch in guter alter Ordnung: Die Messe war überbelegt, mit 250.000 Besuchern stabil besucht. Nach zwei Jahren pandemiebedingtem Ausfall stellt Klodwig  plötzlich alles in Frage. „Wir machen einmal im September in Berlin das Licht an, das reicht nicht mehr aus“, zitiert die FAZ den Manager.  Ein Stimmungskiller zum denkbar schlechtesten Zeitpunkt -  vier Monate vor der wieder unter dem Berliner Funkturm stattfindenden IfA. Und Klodwig legt noch kräftig nach: Wenn man zu keiner Lösung komme, sei man aufgefordert, dieses Format auszuschreiben, eventuell international, sagt er. Ein ganz normaler Geschäftsvorfall nach dem Ende eines Vertrags?

Und wenn dem so wäre, warum dann diese robuste, geradezu arrogante Haltung eines Managers, die in aller Öffentlichkeit über die Medien zur Schau gestellt wird? Das lässt sich erklären. Im aktuellen Vertragspoker um die Zukunft der IfA prallen knallharte Interessen der Industrie, des privaten Investoren-Kapitals und einzelner Privatpersonen sowie eines schillernden Berliner Unternehmers mit der Aufgabe der Senatsregierung aufeinander, Stadt und Land Berlin auch mit Hilfe von Messen wirtschaftlich zu stärken.

Nur als Hallenwart den Handlanger für eine Gfu zu spielen, will Berlin verständlicherweise nicht. Man kann das, was die Gfu gerade macht, als eine an die Messe Berlin gerichtete Erpressung nennen. So sieht das auch die Messe Berlin.  Ob sich der Streit noch kitten lässt und zu einem guten Ende kommt, ist mehr als fraglich.

Berlin ist indes überall. Der aktuelle Streit um eine Messe ist ein symptomatischer Fall einer rein profitorientierten Haltung von Managern,  die in Kauf nehmen, ein Gemeinwesen zu schädigen und sich kräftig nach eigenen Regeln zu bedienen. Dass sie ihre eigene IfA als Marke und Messe beschädigen, nehmen sie fahrlässig in Kauf, weil sie glauben, die IfA überall dorthin portieren zu können, wo ihnen staatliche Subventionen am Höchsten angedient werden. Dass sich sogar Führungskräfte und Ex-Manager aus den eigenen Reihen der Messe Berlin vor den Karren einer neuen Gfu spannen lassen, ist skandalös und beschämend.

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